Die Zukunftsmusik des European Green Deals: Auswirkungen der Krise und der EU-Chemikalienstrategie auf die Chemieindustrie

Katharina Kittelberger

Industry Insights

Mit dem European Green Deal strebt die EU-Kommission bis 2050 die Klimaneutralität Europas und einen nachhaltigkeitsorientierten Umbau des Wirtschaftssystems an. Hierdurch stehen die Volkswirtschaften vor der Herausforderung, ihr Wirtschaftssystem in Richtung einer Green Economy umzubauen. Bei dieser Transformation kommt besonders der Chemieindustrie eine tragende Rolle zu.  

Obgleich die aktuellen Ereignisse rund um Klimawandel, Digitalisierung, Corona, Lieferengpässe, Energiekrise und Ukraine-Krieg zusätzlich eine enorme Belastung darstellen, fokussiert sich die deutsche Chemie eher auf zukunftsrelevante als auf existenzsichernde Maßnahmen

Im vorliegenden Artikel geht 5-HT auf den aktuellen Stand der Chemikalienstrategie und auf bisherige Prognosen ein, die mit den Neuerungen der Chemikalienstrategie in Zusammenhang stehen. Darüber hinaus vermitteln wir die Eindrücke des VCI und erläutern, welchen Unterton die Zukunftsmusik des Europäischen Green Deals aktuell hat.

Krieg und Corona, Klimaschutz, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft: Aktuelle Entwicklungsaussichten für die Wirtschaft und die chemische Industrie

Die Dynamik der Weltwirtschaft schwächte sich im ersten Quartal 2022 ab. Lieferengpässe und hohe Energie- und Rohstoffkosten bremsten das Wachstum in der Industrie. Der Ukraine-Krieg hat diese Probleme insbesondere in Europa noch verschärft. In seinem Bericht zur wirtschaftlichen Lage der Chemiebranche im 1. Quartal 2022 verzichtet der Branchenverband Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI) wegen der unabsehbaren Folgen des Kriegs in der Ukraine und der Null-Covid-Strategie Chinas weiterhin auf eine quantitative Vorhersage für die Entwicklung der Branche im Gesamtjahr 2022.

Wieso sich hinsichtlich aktueller Entwicklungen für die Wirtschaft und die chemische Industrie ein Blick auf die Chemieindustrie lohnt, wird deutlich, wenn man sich der Größenordnung der Branche vergegenwärtigt (Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE, 2021, S. 24)

Umfrage: Chemiemanager schätzen aktuelle Risiken als geschäftskritisch ein 

Die als Teil des 38. CHE-Monitor-Trendbarometers durchgeführte Umfrage von Camelot Management Consultants und der Fachzeitschrift CHE-Manager ergab, dass drei Viertel der befragten Chemiemanager die aktuellen Unsicherheiten und Belastungen als geschäftskritisch einschätzen. Die größte Sorge bereiten derzeit die Preissteigerungen bei Gas und Strom. 

Hierneben sehen sieht sich die Chemieindustrie mit weiteren kurz- oder mittelfristig wirksamen Herausforderungen konfrontiert. Am häufigsten nannten die Chemiemanager den digitalen Wandel (87 %), welcher jedoch gleichzeitig Chancen mit sich bringt.  
Hierneben wurden die anhaltende Pandemie (82 %) und die Disruption globaler Lieferketten (80 %) als große Herausforderungen wahrgenommen. Politische Krisen (57 %) hatten vor Kriegsbeginn nur ein Drittel der Umfrage-Teilnehmer auf der Agenda; nach dem 24. Februar sahen 96 Prozent der befragten Chemie-Manager ihr Unternehmen von politischen Krisen betroffen.

EU-Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit: Die europäische Chemieindustrie steht vor massiven Herausforderungen

Im Rahmen des europäischen Green Deals hat die Europäische Union (EU) im Oktober 2020 ihre „Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit“ (engl. Chemicals Strategy for Sustainability, kurz „CSS“) vorgestellt, welche zahlreiche Maßnahmen zum Gesundheits- und Umweltschutz enthält. Zur angemessenen Vorbereitung und Maßnahmenergreifung fordert die Chemie- und Pharmaindustrie einen konstruktiven Dialog und stabile rechtliche Rahmenbedingungen.

Laut dem VCI führen die lange andauernden Gesetzgebungsprozesse im Rahmen der Chemikalienstrategie für Verunsicherung in der Chemieindustrie: Nur einer der Gründe hierfür ist, dass die Strategie viele Neuerungen einführen soll, die momentan teilweise sehr pauschal sind.

Die mit der Chemikalienstrategie verbundenen Neuerungen stellen für die Chemieindustrie künftig weitere Herausforderungen dar, die es zu überwinden gilt. Um die Auswirkungen der EU-Chemikalienstrategie auf die Ökonomie besser einzuordnen, hat der europäische Chemieverband CEFIC hat in einer ersten Studie die ökonomischen Folgen untersucht. Hiernach könnten allein 12.000 chemische Stoffe in den Anwendungsbereich der beiden anstehenden Gesetzesvorschläge fallen: die Änderungen der CLP-Verordnung und die Anwendung eines allgemeinen Risikoansatzes (engl. Generic Risk Approach, „GRA“). 

Ferner ergab die Studie, dass diese Stoffe bis zu 43 Prozent des Gesamtumsatzes der europäischen Chemieindustrie ausmachen könnten, was rund 214 Milliarden Euro entspricht.

Mit Deutschland auf Platz drei der weltweit größten Exporteure von chemischen Erzeugnissen (vgl. CEFIC) kommt der deutschen Chemieindustrie aus wirtschaftlicher Perspektive ein hoher Stellenwert zu. Der überwiegende Export innerhalb der EU (vgl. destatis, 2019) stärkte bisher die Gesamtheit der europäischen Chemieunternehmen (Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE, 2021, S. 28 & 29)

Die wirtschaftliche Folgenabschätzung zeigt, dass die bevorstehende Reform der Chemikaliengesetzgebung erhebliche Auswirkungen haben wird. Sie besagt außerdem, dass der Umsatz der europäischen Branche je nach Szenario bis 2040 um 47 bis 81 Milliarden Euro pro Jahr einbrechen könnte.

Hinzukommend würde sich die Zahl verfüg- und nutzbarer Chemikalien in Europa deutlich verringern. Resultat hiervon wäre eine Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit samt Innovationen und Produkte, die für eine nachhaltige Transformation und den Erfolg des Green Deal notwendig sind. Gleiches gilt für die Funktionsfähigkeit der Wertschöpfungsketten und die Krisen-Resilienz.

Allerdings ist eine wettbewerbsfähige chemisch-pharmazeutische Industrie essenziell, um sowohl die Transformation und Umsetzung des Green Deals als auch die derzeitigen Krisen zu bewältigen.  

Europäische Änderungen im Chemikaliengesetz als Paradigmenwechsel 

Die angekündigten Änderungen im Chemikaliengesetz würden laut VCI zu einem Paradigmenwechsel in der Chemikaliengesetzgebung führen: Auffällig ist hierbei, dass Chemikalien künftig viel gefahrenbasierter betrachtet werden sollen als bislang. Dieser Ansatz sei problematisch, denn die Gefährlichkeit von Chemikalien könne und solle nicht allein der Maßstab sein. Vielmehr müsse darauf geschaut werden, wie und wofür die jeweiligen Stoffe eingesetzt werden.

Zwischen 2009 und 2019 hat die Menge der gefährlichen Abfälle in der deutschen Chemieindustrie um 28 Prozent zugenommen. Mehr als die Hälfte der Abfallmenge entstand 2019 durch Abfälle aus organisch-chemischen Prozessen. Ebenfalls relevant sind Abfälle aus anorganisch-chemischen Prozessen (14 %), Bau- und Abbruchabfälle (9 %) sowie Abfälle aus Abfallbehandlungsanlagen (8 %). Hier gilt es, weiterhin Abfallmengen zu reduzieren und die Erfolge der Prozessoptimierungen auch hier zu duplizieren (Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE, 2021, S. 50)

Zur Veranschaulichung sei das als Ausgangsstoff gefährliche Lithium zu nennen, das die Grundlage von Lithium-Ionen-Akkumulatoren bildet. Diese werden in vielen elektronischen Geräten und bei Elektroautos sicher eingesetzt. Ein weiteres Beispiel ist der nachweislich krebserregende Alkohol. Würde man letzteren aufgrund seiner Gefährlichkeit verbieten, fielen gleichzeitig all die sinnvollen Anwendungen weg, wie das in der Corona-Pandemie so wichtige Desinfektionsmittel. 

Aus diesem Grund beschreibt der VCI das bisherige System von REACH als funktional, denn es verbietet Stoffe, die an sich gefährlich sind, nicht pauschal, sondern es wird vorher geprüft, wie diese angewendet werden. 
Sollte es im Zuge der Chemikalienverordnung künftig zu pauschalen Abhandlungen kommen, dann könnten auch Stoffe verboten werden, die durchaus sinnvoll sind.

REACH: Langwierige Aushandlungen verunsichern die Chemieindustrie 

Die Chemikalienverordnung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) ist seit 2007 das Kernstück der europäischen Chemikaliengesetzgebung. Neben zahlreichen anderen Maßnahmen soll REACH im Rahmen der EU-Chemikalienstrategie reformiert werden. Zur Vorbereitung hat erst kürzlich eine Konsultation stattgefunden, bei welcher die EU die Meinungen verschiedener Interessensgruppen eingeholt hat.  Mit konkreten Vorschlägen zur Änderung der REACH-Verordnung ist ab Ende 2022 zu rechnen. Danach beginnt ein mehrere Jahre dauerndes Gesetzgebungsverfahren. Wie es ausgehen wird, ist derzeit noch unklar. 

Zugelassen oder verboten? Fortlaufender Registrierungsprozess bei REACH

Jeder Hersteller oder Importeur, der seine in den Geltungsbereich der REACH-Verordnung fallenden Stoffe in Verkehr bringen will, muss diese Stoffe registrieren. 
Um mit Chemikalien überhaupt erst handeln zu dürfen, müssen Chemiehersteller ein Registrierungsdossier bei der Europäischen Chemikalienagentur (engl. European Chemicals Agency, „ECHA“) einreichen. In diesem umfangreichen Datensatz sind die Eigenschaften der spezifischen Chemikalie vermerkt. 

Abhängig vom jeweiligen Stoff werden Aspekte wie die gesundheitlichen Eigenschaften, oder aber Daten zur Toxikologie oder zu Tierversuchen, festgehalten, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Stoffe reguliert werden müssen und welche nicht. Durch das Erfinden, Entdecken und Entwickeln neuer Chemikalien ist dieses Verfahren ein fortlaufender Prozess.

Im europäischen Ranking führt Deutschland das Investitionsvolumen in die Chemische Industrie an und stemmt etwa 22 Prozent der Investitionen in den Klima- und Umweltschutz des Verarbeitenden Gewerbes. Dies entsprach 2017 rund 521 Millionen Euro. Knapp die Hälfte dieser Investitionen wurde für den Gewässerschutz, 18 Prozent für den Klimaschutz und jeweils zwölf Prozent für die Luftreinhaltung und die Abfalluntersuchung aufgewendet (Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE, 2021, S. 33)

Zur Verbesserung bei der Qualität von Registrierungsdossiers, die im Rahmen der REACH-Einführung bis Mai 2018 entstanden sind, haben EU-Kommission und ECHA Ende 2019 einen gemeinsamen Aktionsplan verabschiedet, der 15 Maßnahmen umfasst (zum Beispiel mehr Dossierprüfungen oder den Erlass von Durchführungsbestimmungen für Dossieraktualisierungen). Der VCI und seine Mitglieder leisten ihren Beitrag mit dem mehrjährigen „REACH Dossier Improvement Action Plan“ des europäischen Chemieverbands CEFIC. Er wird in enger Abstimmung mit der ECHA umgesetzt.

In den vergangenen Jahren sind so über 100.000 Registrierungsdossiers zusammengekommen, welche die Grundlage zum Herstellen von Chemikalien schaffen. 

Mögliche Abwanderung der Chemikalienproduktion ins Ausland

Die EU-Kommission betont, dass Änderungen am Chemikaliengesetze nichts an den Wettbewerbsbedingungen der europäischen und außereuropäischen Marktteilnehmer ändern werde. Dennoch ist eine Verlagerung der Herstellung energieintensiver Produkte in Länder, in denen weniger strenge Klimaschutzregulierungen herrschen, nicht unwahrscheinlich. 

Jedoch ist Klimaneutralität nur mit einer wettbewerbsfähigen Chemiebranche möglich ist, weswegen ausreichende Mengen erneuerbarer Energien zu konkurrenzfähigen Bedingungen gebraucht werden, um eine Produktionsverlagerungen in Regionen mit niedrigen Umweltstandards zu verhindern. 

Nach einem Anstieg der Umsatzzahlen der deutschen Chemieindustrie stagnieren die Zahlen nun bzw. sinkt tendenziell (Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE, 2021, S. 19)

Aus VCI-Sicht ist wichtig, dass die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Chemie- und Pharmaindustrie unter den im internationalen Vergleich hohen und steigenden Sicherheitsanforderungen erhalten bleibt. Ob das gelingt, könne laut VCI erst nach den aktuellen Reformen bewertet werden. 

Illegale Einfuhren: Ein Importproblem statt eines der Chemikalienverordnung

Bei Importkontrollen von Verbraucherprodukten, die im Rahmen des RAPEX-Systems der EU-Kommission durchgeführt werden, werden vorwiegend aus Asien stammende Produkte entdeckt, bei denen gewisse Grenzwerte überschritten sind. 

Der VCI betont, dass die Durchsetzbarkeit bestehender und zukünftiger Rechtsvorschriften durch die Behörden gewährleistet sein muss. Eine ständige Verschärfung der EU-Vorschriften, die insbesondere bei importierten Produkten nicht durchgesetzt werden kann, trage nicht dazu bei, die Sicherheitsstandards zu erhöhen. Stattdessen würde sie die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen schwächen und den Standort Europa unattraktiv machen. 

Wie die Digitalisierung dazu beitragen kann, Vertrauen zu stärken

Da der REACH-Prozess nicht nur chemie-, sondern auch IT-basiert ist, kommt der Digitalisierung hier eine entscheidende Rolle zu. Einerseits mit Bezug auf die Grenzen übergreifende europäische Zusammenarbeit: Diese kann nur so gut funktionieren, weil sie über REACH-spezifische IT-Systeme verläuft.

Andererseits kann die Aufarbeitung und Bereitstellung von Datenbanken im Internet durch die ECHA Wissen vermitteln und Sicherheitsdaten zugänglich machen, was potenziell zu mehr Transparenz und Vertrauen führt. 

Doch auch abseits hiervon spielt die Digitalisierung zunehmend eine wichtige Rolle: Laut VCI nutzen Chemieunternehmen die Digitalisierung, um ihre Prozesse zu optimieren, wie beispielsweise eine effizientere Forschung im Labor. 

Weitere Möglichkeiten der Digitalisierung für Chemieunternehmen beschreibt der VCI wie folgt:  

Im Zuge der Digitalisierung ergeben sich für die Chemieunternehmen eine Reihe neuer Möglichkeiten (Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE, 2021, S. 42)

Folglich gibt es eine Menge Anknüpfungspunkte, bei denen die Digitalisierung unterstützend wirken kann. 

Welche weiteren Herausforderungen sich zusätzlich durch die gestiegenen Energiepreise als Folge des Ukraine-Kriegs stellen und wie diese ohne wesentliche Wettbewerbsnachteile für deutsche und europäische Chemieunternehmen gemeistert werden können, kann derzeit leider nicht valide beantwortet werden.

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Der Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI) mit Hauptsitz in Frankfurt am Main, Hessen, ist der Wirtschaftsverband der Chemie- und Pharmaindustrie in Deutschland und vertritt seit seiner Gründung im Jahr 1877 die wirtschaftlichen Interessen von rund 1.900 deutschen Chemieunternehmen gegenüber Politik, Behörden sowie anderen Bereichen der Wirtschaft und den Medien. Hiermit ist der VCI Ansprechpartner für alle wirtschaftlichen Belange und die Stimme für mehr als 90 Prozent der deutschen Chemie.

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