„Mit Augmented Reality kann jeder ein Experte werden“

Die Wartung und Reparatur von Maschinen kosten in Pharma- und Chemieunternehmen häufig viel Zeit und Geld. Denn die Maschinen sind oft nicht nur hochkomplex – auch komplizierte Handbücher machen es den Technikern nicht leicht, sich einzuarbeiten. Das Münchner Startup RE’FLEKT, das Teil des Netzwerks von 5-HT ist, hat hierfür eine Lösung entwickelt: Augmented-Reality-Anwendungen zeigen den Mitarbeitern Schritt für Schritt direkt an der Maschine an, was als Nächstes zu tun ist. In diesem Interview erklärt Wolfgang Stelzle, CEO und Mitgründer, wie die AR-Lösungen von RE‘FLEKT dabei helfen können, die Kosten von Reparatur- und Wartungsprozessen deutlich zu senken.

RE’FLEKT Wolfgang Stelzle CEO & Founder

An welche Unternehmen richtet sich RE’FLEKT?

Unsere Kunden kommen aus den Bereichen Maschinenbau, Energie-, Automobil- und Transportindustrie, aber auch aus der Chemie-, Pharma- und Medizinindustrie – zum Beispiel BASF, Roche, Medtronic oder Getinge. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die Hardwareprodukte herstellen und somit Maschinen betreiben, die gewartet und repariert werden müssen.

Welche Probleme treten häufig bei der Instandhaltung und Wartung von Maschinen auf?

Viele Maschinen werden immer komplexer, was die Elektronik oder die Funktionalitäten betrifft. Gleichzeitig gibt es nicht genügend Personal, das über das entsprechende Wissen verfügt, um diese komplizierten Maschinen zu warten und zu reparieren. Oft ist das Wissen, das dazu benötigt wird, zwar irgendwo im Unternehmen vorhanden, aber nicht an dem Ort, an dem es gerade gebraucht wird. Die Situation wird zusätzlich durch den demografischen Wandel zur Herausforderung: Erfahrene Mitarbeiter, die die Maschinen noch in- und auswendig kennen, gehen nach und nach in Rente. Gleichzeitig bleiben die jüngeren nicht mehr 50 Jahre lang im Unternehmen, sodass es schwierig ist, sie intensiv einzuarbeiten. Wenn eine Maschine nicht mehr funktioniert, kann der Techniker vor Ort sie deshalb in vielen Fällen nicht direkt selbst reparieren. Die komplizierten manuellen oder digitalen Handbücher führen selten zur Lösung des Problems, und auch die Beratung per Callcenter bleibt häufig ohne Erfolg, sodass schließlich ein Experte anreisen muss, um die Maschine vor Ort zu warten oder zu reparieren. Nicht nur durch die Reisekosten, sondern vor allem durch lange Ausfallzeiten der Maschinen verursacht diese Vorgehensweise hohe Kosten.

Wie kann Augmented Reality Instandhaltungs- und Reparaturprozesse verbessern?

Mit unserer AR-Anwendung REFLEKT ONE (Erklärvideo) ermöglichen wir es Unternehmen, manuelle oder digitale Handbücher sowie Konstruktionsdaten von Maschinen in Augmented-Reality-Anleitungen zu überführen. Wenn ein Techniker eine Reparatur durchführen will, werden die Informationen, die er braucht, Schritt für Schritt direkt auf die Maschine projiziert. Über ein Smartphone, ein Tablet oder eine AR-Brille wird ihm unmittelbar nachvollziehbar angezeigt, wo er zum Beispiel eine Schraube lösen oder eine Spannung prüfen muss.

REFLEKT ONE

Mit unserer zweiten Anwendung REFLEKT Remote (Erklärvideo) verbinden wir Techniker und Experten so, dass der Experte die Umgebung des Technikers sieht und augmentierte Anweisungen direkt in das Sichtfeld des Technikers zeichnen kann. Auf diese Weise erkennt der Techniker sofort, was der Experte ihm zeigen will. Das verbessert die Zusammenarbeit und macht es möglich, Probleme sofort zu lösen, ohne dass der Experte dafür erst anreisen muss. Außerdem bieten wir auch interaktive AR-Anwendungen an, die zu Trainingszwecken genutzt werden können, um die Technik einer Maschine besser kennenzulernen. Bei alldem geht es darum, durch effektives Training Mitarbeiter besser zu schulen und neue Arbeitskräfte schneller anzulernen, um in der Praxis Reparaturprozesse zu beschleunigen und Maschinenstillstände zu reduzieren. Gleichzeitig werden Fehler bei der Wartung und Reparatur minimiert, sodass unsere Kunden erhebliche Kosten sparen können.

REFLEKT_Remote

Welche Anwendungsmöglichkeiten sind insbesondere für Unternehmen der Pharmaindustrie interessant?

Ein spannender Use Case sind Operating Procedures – umfangreiche, komplexe Handbücher für den Aufbau und die Nutzung von medizinischen Geräten. Weil diese Handbücher nur sehr schwer verständlich sind, können Techniker sich die Arbeitsabläufe kaum selbst aneignen, sondern sind auf eine zeitintensive Einarbeitung angewiesen. Außerdem sind die Prozesse sehr fehleranfällig, da Techniker sich häufig auf ihr Gedächtnis verlassen, statt im Handbuch nachzuschlagen. Wir helfen dabei, Operating Procedures mit AR zu digitalisieren, sodass die Techniker den Anleitungen auf einem mobilen Endgerät Schritt für Schritt folgen können. Getinge nutzt unsere AR-Anwendungen zum Beispiel, um seine Mitarbeiter zu trainieren, wodurch sich die Anzahl menschlicher Fehler um 90 % verringern lässt.

RE’FLEKT Use Case Getinge

Ein weiterer interessanter Anwendungsbereich sind Line Changeovers. Wenn eine Produktionslinie für ein neues Produkt umgebaut werden muss, dauert das häufig viele Tage oder Wochen. Mit unseren AR-Anweisungen wird dieser Prozess optimiert, da Arbeitskräfte visuell angeleitet werden und das Endergebnis immer vor Augen haben. Dadurch beschleunigt sich der Umbau um 25 % und die Fehlerquote wird um 40 % reduziert. Mit einem digitalen Audit Trail können dabei außerdem alle Schritte detailliert dokumentiert werden.

Was braucht ein Unternehmen, um mit REFLEKT ONE oder REFLEKT Remote solche maßgeschneiderten AR-Anwendungen zu entwickeln?

Auf der Seite der Nutzer ist das Wichtigste, dass die Mitarbeiter über mobile Endgeräte (Smartphones, Tablets oder Smartglasses) verfügen, die mit dem Internet verbunden sind. Darüber hinaus brauchen Unternehmen Daten aus dem technischen Informationssystem (TIS), Konstruktionsdaten aus dem CAD-System und Daten aus dem Product-Lifecycle-Management-System (PLM). RE’FLEKT stellt die Software zur Erstellung von AR-Anwendungen zur Verfügung und begleitet auch die Umsetzung, für die auf Unternehmensseite in der Regel technische Redakteure mit Unterstützung von Produktmanagern zuständig sind.

Wie kam es zur Gründung von RE’FLEKT?

Ich habe als Kundenberater und Projektmanager in einer Digitalagentur gearbeitet, in der wir ab 2010 Augmented Reality für Marketingzwecke eingesetzt haben. Zusammen mit meinem Chef und zwei weiteren Partnern haben wir 2012 entschieden, RE’FLEKT aus der Agentur heraus zu gründen, um uns zu 100 Prozent auf die Technologie konzentrieren zu können. Mit der Zeit haben wir unseren Schwerpunkt auf AR-Anwendungen für die Industrie verlagert. Aktuell haben wir insgesamt 50 Mitarbeiter in unserem Hauptquartier in München und unserer Niederlassung in San Francisco.

Was sind die nächsten Ziele für RE’FLEKT?

Wir fokussieren uns aktuell auf die Pharma- und Medizinindustrie. Hier befinden sich viele Unternehmen zurzeit auf dem Weg zur digitalen Transformation. Außerdem handelt es sich bei dieser Branche um eine der wenigen, die unter der aktuellen wirtschaftlichen Lage nur gering leiden. Deshalb möchten wir Pharma- und Medizinunternehmen Lösungen anbieten und ihre Digitalisierungsvorhaben nachhaltig unterstützen. Außerdem arbeiten wir zurzeit verstärkt mit Partnern wie Siemens zusammen, um unsere Software nahtlos in bereits vorhandene Lösungen zu integrieren, sodass wir gemeinsam mit unseren Partnern ein stärkeres Angebot am Markt präsentieren können.

Wie sieht eure Vision für die Fabrik der Zukunft aus?

Wir glauben daran, dass in einigen Jahren jeder auch ohne besonderes Fachwissen dazu in der Lage sein wird, eine Maschine zu reparieren, weil AR-Anwendungen ihm die nötigen Informationen für den nächsten Schritt bereitstellen. Deshalb ist unsere Vision: „Anyone can become an expert!“

Wie seid ihr in Kontakt mit 5-HT gekommen?

Der Kontakt kam über BASF Venture Capital GmbH zustande, denn BASF gehört zu unseren Investoren. Wir fanden das Ökosystem von 5-HT sehr spannend, vor allem weil die beteiligten Unternehmen für uns ein perfektes Match sind. Als Teil des Netzwerks hoffen wir, mit potenziellen Kunden in Kontakt zu kommen und mehr über ihre Herausforderungen zu lernen. Außerdem ist die Mitgliedschaft bei 5-HT eine tolle Möglichkeit für uns, am Markt noch stärker wahrgenommen zu werden und uns auch mit anderen Startups aus dem Bereich auszutauschen.


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