Nie wieder Hörsaal – das erste digitale Medizinstudium Deutschlands

Von montags bis freitags in der Vorlesung zu sitzen und dem Dozenten zuzuhören, gehört für Medizinstudenten an deutschen Universitäten zum Alltag. Die Gründer der EDU Medical School dachten sich jedoch: Das geht auch anders. Seit November 2018 bieten sie an ihrer Hochschule ein digitales Medizinstudium mit Praxisphasen in Kliniken an. Nils Thiessen, Medical Officer bei EDU, hat nach seinem eigenen Medizinstudium nach einem Weg gesucht, wie sich das Studium von Grund auf neugestalten lässt. Sein Kollege Johannes Wöhler ist für die digitalen Technologien zuständig, auf denen die EDU Medical School aufbaut. Wie das Studieren an einer digitalen Hochschule abläuft und welche Chancen es bietet, erzählen Nils und Johannes im Interview mit 5-HT.

Wie funktioniert das digitale Studium an der EDU Medical School?

Nils: Der komplette theoretische Unterricht findet bei uns online statt. Es gibt eine Lernplattform, auf der die Studierenden Zugriff auf E-Books, wissenschaftliche Artikel, multimediale und interaktive Elemente haben. Außerdem gibt es Expert Sessions, die ähnlich wie Seminare an der Universität sind, nur dass sie in virtuellen Klassenzimmern stattfinden. Per Videoübertragung können die Studierenden den Dozenten sehen und Fragen stellen. Umgekehrt kann auch der Dozent die Studierenden sehen und dabei auch auf nonverbale Signale reagieren. Kleine Teams von vier oder fünf Studierenden können in ein eigenes virtuelles Klassenzimmer gehen, um dort zusammen problemorientiert Patientenfälle zu lösen. Außerdem können sich die Studierenden auch über Chatfunktionen und Foren austauschen.

Johannes: Dahinter steht der Ansatz des kollaborativen Lernens. Die Idee ist: online lernen, aber gemeinsam lernen. Es geht uns darum, die hohe Qualität an Interaktionen, die man in einem echten Klassenzimmer haben kann, online zu bringen und zusätzlich von den Vorteilen des digitalen Lernens zu profitieren.

Bequemes Lernen von jedem Ort aus

Welche Vorteile bietet denn das digitale Lernen?

Johannes: Man kann lernen, wo man will, und in vielen Fällen auch, wann man will. Das bietet vor allem Vorteile für Studierende, die in entlegenen Gegenden wohnen und aus verschiedenen Gründen nicht dort wegziehen können oder wollen. Nur für die Praxisphasen müssen sie dann insgesamt zwölf Wochen pro Jahr bei einer der Kliniken, mit denen wir kooperieren, vor Ort sein.

Nils: Wenn man zu Hause lernt, kann man sich eine deutlich bessere Arbeits- und Lernatmosphäre schaffen als im Hörsaal. Wegen unserer digitalen Methoden können wir außerdem unser Curriculum sehr flexibel weiterentwickeln. Wir haben für das komplette Studium 4700 Lernziele in einer Datenbank gespeichert. Wenn wir die Rückmeldung von Dozenten bekommen, dass ein Lernziel angepasst werden sollte, können wir das im Curriculum-Development-Team prüfen und einfach entsprechend in der Datenbank ändern – das geht nicht erst monatelang durch unzählige Gremien. Je nachdem, wo wir das Studium anbieten, können wir die Inhalte auch gut an die lokalen Bedürfnisse anpassen. Nehmen wir zum Beispiel an, wir gehen nach Afrika, dann können wir das Curriculum sehr einfach um Themen wie Malaria erweitern.

Wie ist das Studium am EDU Medical College aufgebaut und welches Konzept steckt dahinter?

Johannes: Das Studium ist in Modulblöcken organisiert. Acht Wochen lang lernt man die Theorie auf unserer digitalen Plattform, dann gibt es eine Prüfung und anschließend vier Wochen Praxisphase in einer Klinik. Aktuell kooperieren wir dafür mit der Helios Kliniken GmbH in Deutschland.

Nils: Wir integrieren von Anfang an Praxisphasen, damit die Studierenden das, was sie in der Theorie lernen, schnell in die Realität übertragen können. Außerdem steht bei uns das aktive Lernen im Vordergrund: Die Studierenden müssen sich nach dem Flip-Classroom-Prinzip im Voraus auf die Inhalte der Expert Sessions vorbereiten. Im Unterricht selbst werden die Kenntnisse zunächst mit einem Quiz überprüft, dann folgt das Gespräch mit dem Dozenten, und in problembasierten Unterrichtseinheiten bearbeiten die Studierenden konkrete Fallbeispiele in Kleingruppen. Sie lernen also, sich selbst Themengebiete zu erarbeiten, im Team zu kommunizieren und eigene Diagnosen zu stellen. Darüber hinaus legen wir Wert darauf, dass unsere Studierenden evidenzbasierte Medizin lernen, damit sie später dazu in der Lage sind, ihre Patienten auch evidenzbasiert zu behandeln.

Flexibles Lernen mittels modularer Inhalte

Was hat euch am traditionellen Aufbau des Medizinstudiums in Deutschland gestört?

Nils: Ich habe selbst in Aachen Medizin studiert. Pro Tag vier oder fünf Stunden in der Vorlesung zu sitzen und nur passiv anwesend zu sein, hat bei mir überhaupt nichts gebracht. Das hat dazu geführt, dass ich nur noch die Pflichtveranstaltungen wahrgenommen und ansonsten zu Hause gelernt habe, mit Kaffee, meinen Büchern und meinem Lehrplan. Außerdem hat mir an der Universität der Praxisbezug gefehlt – erst im dritten Jahr bekamen wir den ersten richtigen Patienten zu Gesicht. Ich hätte mir auch mehr Unterricht zu evidenzbasierter Medizin gewünscht. An der Uni lernt man nicht, wie man wissenschaftliche Artikel liest und wie man die guten von den schlechten unterscheidet. Das muss man als Arzt aber können, um zügig entscheiden zu können, ob eine Therapie für einen Patienten sinnvoll ist oder nicht. Am Ende des Semesters kamen außerdem alle Prüfungen auf einmal, und drei Wochen später hatte man 80 Prozent des Lernstoffes schon wieder vergessen. All das sind Punkte, die wir bei EDU anders gemacht haben.

Wie kam es zur Gründung von EDU?

Nils: Während des Studiums habe ich in Aachen den Modellstudiengang Medizin mitentwickelt und dort einige Neuerungen umgesetzt. Einige Zeit später hat mich mein damaliger Chef Professor Andreas Hoeft vom Universitätsklinikum Bonn angesprochen, weil sein Sohn mit diesem Modellstudiengang angefangen hatte. Professor Hoeft fragte mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, das Medizinstudium von Grund auf neu zu konzipieren. Ich habe also das didaktische Konzept für unsere Medical School erstellt und mich um die Akkreditierung gekümmert, und Professor Hoeft hat sein Netzwerk genutzt, unter anderem um Investoren zu finden. Gegründet wurde EDU schließlich 2018, und im November vergangenen Jahres haben die ersten Studierenden bei uns mit dem Bachelor of Medicine angefangen.

Eure Hochschule ist in Malta akkreditiert – warum nicht in Deutschland?

Nils: Wir verstehen uns als europäische Hochschule. Deshalb unterrichten wir auch auf Englisch – zum einen ist das die Wissenschaftssprache in der Medizin, und zum anderen bietet das unseren Absolventen höhere Chancen, später auch international tätig zu sein. Malta hat für uns gut gepasst, weil das Land 2009 von der EU Fördergelder erhalten, um eine Akkreditierungsstelle für innovative Studiengänge einzurichten. Ich habe das Gefühl, dass die Offenheit für neue Ideen in deutschen Universitäten und Behörden noch nicht so groß ist. Es fehlen häufig die Innovationsfreudigkeit und die Risikobereitschaft, neue Wege zu gehen.

Unser Bachelor- und Masterstudiengang sind gemäß EU-Richtlinie 2005/36 durch die National Commission of Further and Higher Education (NCFHE) in Malta akkreditiert. Wenn unsere Absolventen nach ihrem Abschluss in Deutschland arbeiten wollen, können sie bei der Bezirksregierung eines Bundeslandes einen Antrag auf Approbation stellen.

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft von EDU und eurer Medical School?

Johannes: Unser Ziel ist es, die Verfügbarkeit des Medizinstudiums weiter zu erhöhen. Im Bereich Healthcare wollen wir in Zukunft unser Kursangebot erweitern, auch was Weiterbildungskurse für Professionals angeht. Vor allem wollen wir unser Studium bald auch in anderen Ländern verfügbar machen. Dabei haben wir europäische, aber auch afrikanische Länder im Blick. Der große Vorteil einer digitalen Hochschule ist nämlich, dass für unser Studium keine Infrastruktur vor Ort gebaut werden muss. Wir benötigen nur ein Krankenhaus, das unsere Qualitätsanforderungen erfüllt und das wir zum Lehrkrankenhaus ertüchtigen können, um unser Studium anbieten zu können. Die Digitalisierung erlaubt uns außerdem, das Curriculum an die je lokalen Anforderungen anzupassen. Dadurch können wir die hohe Qualität der Ausbildung auch in den entlegensten Regionen der Welt gewährleisten und einen Beitrag zur Schließung der großen Lücke an Ärzten leisten.

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