„Viel wichtiger als Geld ist ein guter Plan“

Wie die Landwirtschaft durch die Nutzung von Geodaten intelligenter werden kann, zeigt aktuell das Darmstädter Startup agriBORA. Gegründet hat es Kizito Odhiambo, der ursprünglich aus Kenia stammt und seit neun Jahren in Deutschland lebt. Im Interview mit 5-HT erzählt er von seiner Vision, mit Datenanalysen die Situation afrikanischer Kleinbauern zu verbessern.

Kurz gesagt: Was macht agriBORA?

Wir entwickeln Feldintelligenz für Kleinbauern, damit sie die Entwicklung auf den Feldern verfolgen und Risiken für die Landwirtschaft frühzeitig erkennen können. Dafür analysieren wir Geodaten von Satelliten, Wetterstationen und Bodensensoren. Außerdem simulieren wir unterschiedliche Situationen auf den Feldern. Aus diesem Berg an Daten leiten wir genaue Empfehlungen für die Bauern ab – zum Beispiel „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, Hirse anzubauen“. Früher hat man für solche Entscheidungen einfach die Informationen genutzt, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden, aber durch den Klimawandel verändert sich die Landwirtschaft – zum Beispiel können sich Anbauphasen verzögern oder ganz ausbleiben. Aktuell konzentrieren wir uns auf Kleinbauern in Kenia, die wir mit unseren Handlungsempfehlungen dabei unterstützen wollen, ihren Ertrag zu erhöhen.

Wer sind eure Kunden?

Unsere direkten Kunden sind nicht die Kleinbauern selbst, sondern Finanzinstitutionen oder Saatgut- und Düngemittelhersteller. Wenn zum Beispiel eine Brauerei von einem Kleinbauern Hirse kaufen möchte und eventuell auch einen Kredit an diesen Bauern vergeben hat, möchte sie gerne wissen, wie der Stand auf den Feldern ist, um ihre Risiken abzuschätzen. Wir übernehmen für diese Fälle die Analyse und die Kommunikation mit den Landwirten.

Wie kam es zur Gründung von agriBORA?

agriBORA ist mein zweites Startup – vor vier Jahren habe ich schon ein erstes Startup in Kenia gegründet: Wir bieten Kleinbauern Saatgut und Dünger für Sojabohnen an, kaufen ihnen anschließend die Ernte ab, verarbeiten sie weiter und vertreiben sie lokal. Dabei haben wir gemerkt, dass sich die Produktivität im Anbau nicht verbessert. Wir hatten aber keine Daten, um das zu analysieren – jeden Tag mussten wir rausgehen und schauen, wie es den Pflanzen geht. Weil wir keine Alternative dazu gefunden haben, haben wir uns entschieden, das Problem selbst zu lösen.

Wie hat dir die Erfahrung mit deinem ersten Startup für die Gründung von agriBORA geholfen?

Wir kennen das Problem, an dem agriBORA ansetzt, aus eigener Erfahrung, weil wir schließlich selbst damit zu kämpfen hatten. Außerdem sind wir vor Ort bereits sehr gut vernetzt und kennen uns gut mit dem Markt aus. Bei agriBORA profitieren wir nun davon, in zwei verschiedenen Ländern zu leben und zu arbeiten: In Kenia gibt es viel lokales Wissen darüber, was wo wächst und wie der Markt aufgebaut ist, aber in Deutschland können wir einfacher Expertise in der Auswertung von Satellitenbildern sowie in der Präzisionslandwirtschaft bekommen, denn in Europa sind solche Lösungen bereits etabliert. Diese Synergien sind das, was das Unternehmen wertvoll macht. In meinem ersten Startup bin ich mittlerweile nicht mehr operativ tätig – dafür gibt es ein eigenes Team vor Ort, sodass ich mich hauptsächlich auf agriBORA konzentrieren kann.

An welchem Punkt steht agriBORA jetzt?

Weil ich durch mein erstes Startup bereits viel Expertise mitgebracht habe, ging bei meinem zweiten Startup alles sehr schnell. Im März 2018 habe ich agriBORA gegründet, und mittlerweile sind wir zu viert – die anderen Teammitglieder kennen sich besonders gut mit IT, Business Development, Agraringenieurwesen und mit der kenianischen Finanzbranche aus. Aktuell sind wir Teil des ESA Business Incubation Centre Hessen & Baden-Württemberg. Unser Standort in Darmstadt wird vom Centrum für Satellitennavigation Hessen (cesah) organisiert. Zurzeit werden wir von der European Space Agency (ESA) und vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert, sind aber auch auf der Suche nach weiteren Investoren. Mittlerweile haben wir allerdings auch den ersten Kunden – eine klassische Vertragsanbaufirma, die Saatgut und Dünger an Kleinbauern gibt und ihnen dafür die Ernte abkauft. Gerade startet eine erste Pilotphase mit 400 Kleinbauern, in der das Produkt getestet und gegebenenfalls angepasst werden soll. Ab August, in der nächsten Anbauperiode, sollen dann neue Kunden dazukommen.

Welche Vision habt ihr langfristig für agriBORA?

Zunächst wollen wir in weiteren Regionen Afrikas aktiv werden, erst einmal im ostafrikanischen Markt. Wir haben aber auch schon Anfragen aus anderen Ländern bekommen und werden demnächst ein erstes Projekt in Bulgarien ins Leben rufen. Prinzipiell sehen wir auch in anderen Ländern Potenzial, wenn es dort ähnliche kleinbäuerliche Strukturen gibt, zum Beispiel in Asien oder Lateinamerika. Weil wir uns als soziales Unternehmen verstehen, haben wir zurzeit aber nicht das Ziel, unser Produkt auf die ganze Welt zu bringen, auch wenn technisch sicher vieles möglich wäre. Anders als in anderen Regionen ist in Afrika die Ernährungssicherheit immer noch ein großes Problem – deshalb wollen wir lieber dort investieren, wo wir Hunger und Armut bekämpfen und dadurch tatsächlich Menschenleben verändern können.

Was waren bisher eure größten Schwierigkeiten?

Ich habe agriBORA alleine gegründet. Das hat es manchmal sehr schwierig gemacht, Entscheidungen zu treffen. Außerdem war es eine große Herausforderung, das Team aufzubauen: Es gibt viele, die sich zwar für die Arbeit in einem Startup interessieren, aber keinen speziellen Bezug zu Afrika oder Kenia haben. Das Thema Afrika war auch bei Investoren schwierig: Die Hemmschwelle ist noch sehr groß, viele Investoren denken dabei zuerst an Risiken. Deshalb muss ich immer dagegenreden und zeigen, dass der Kontinent sehr differenziert zu betrachten ist – es gibt Gebiete mit großem Wachstumspotenzial, sogar mit zweistelligen Wachstumsraten. Diese Überzeugungsarbeit kostet sehr viel Zeit.

Als Gründer von mittlerweile zwei Startups – was hast du aus alldem gelernt?

Meine wichtigste Erkenntnis war: Geld ist nicht alles. Am Anfang dachte ich, wenn ich Geld habe, sind alle Probleme gelöst – aber es ist viel wichtiger, dass man ein sauberes Konzept hat und weiß, wie man das implementiert, auch wenn am Ende natürlich immer alles anders kommt, als man denkt. Ich habe auch nicht gegründet, um reich zu werden, sondern um ein gesellschaftliches Problem zu lösen.

Welche Veränderungen würdest du dir für die Startup-Szene wünschen?

Ich glaube, wir sollten uns viel mehr bemühen, Projekte auf die Beine zu stellen, die solche gesellschaftlichen Probleme angehen. Dafür braucht es mehr Unterstützung: Bisher gibt es zu wenig Aufmerksamkeit für soziale Startups und zu wenige Investoren, die an solchen Ideen interessiert sind. Dabei geht es uns nicht um Entwicklungshilfe – agriBORA ist ein Unternehmen, das auf einen konkreten Bedarf reagiert. Aber man kann auch auf wirtschaftliche Art und Weise helfen, und das ist eine viel nachhaltigere, langfristigere Lösung als die klassische Entwicklungshilfe.  

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