Warum Deutschland Startups verliert – und wie wir das ändern können
Max Huber
Autor: Max Huber, Senior Startup & Business Analyst @ 5-HT Chemistry & Health
Einleitung
Neue Unicorns, steigende Investitionen und ein wachsendes Ökosystem: Trotz aller wirtschaftlichen Unsicherheiten zeigt die deutsche Startup-Szene nach wie vor Resilienz. Doch hinter den positiven Schlagzeilen verbirgt sich ein strukturelles Problem, das vor allem technologieintensive Startups aus Bereichen wie Chemie, Klima oder DeepTech betrifft: Die Unternehmen entstehen in Deutschland, sie wachsen hier, aber sie skalieren woanders.
Warum ist das so? Und was müssen wir endlich ändern, damit Deutschland nicht länger Innovationszentrum ohne Wertschöpfungszentrum bleibt?
Die Förderlandschaft in Deutschland braucht sich nicht verstecken: Es gibt Förderprogramme wie EXIST, den High Tech Gründerfonds (HTGF), zahlreiche regionale Initiativen sowie Business Angels, die gerade technologieorientierten Gründerinnen und Gründern gute Startbedingungen bieten.
Doch dieses Bild kippt schlagartig, sobald Startups nicht mehr ein paar hunderttausend Euro für Prototypen benötigen, sondern zweistellige Millionenbeträge, um Anlagen zu bauen, internationale Märkte zu erschließen oder ihre Teams zu verdoppeln. In dieser Phase entsteht die berühmte „Scale-up-Lücke“. Deutschland und weite Teile Europas können große Finanzierungsrunden schlicht nicht stemmen.
So betrug in Deutschland die Investition in Wagniskapital (VC) im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (also VC-Investment zu BIP) im Jahr 2021 etwa 0,42 %. Zum Vergleich: In den USA lag dieser Wert im gleichen Jahr bei etwa 1,35 % des BIP.1 Eine weitere Analyse kommt zum Ergebnis, Deutschland investiere nur ein Neuntel des US-Niveaus in VC im Verhältnis zum BIP.2
Diese Zahlen zeigen deutlich: Deutschland bekommt in der Frühphase mit Förderungen noch viel hin – bei Wachstum und Skalierung hapert es jedoch erheblich.
Wenn Kapital fehlt, wandern Startups ab
Das fehlende Scale-up-Kapital bleibt nicht folgenlos. Immer mehr deutsche Startups denken laut darüber nach, ins Ausland zu ziehen. Laut aktueller Daten war der Anteil großvolumiger Finanzierungsrunden in Deutschland im zweiten Quartal 2025 bereits bei etwa 57 % des investierten Volumens – ein guter Indikator dafür, dass mehr Mittel fließen, aber gleichzeitig: Rund ein Drittel der Mittel kam von US-Investoren.3
Besonders technologieintensive Startups, deren Geschäftsmodelle kapitalintensiv sind, geraten schnell unter finanziellen und strukturellen Druck: Sie benötigen hohe Summen für Pilotanlagen oder Produktionskapazitäten, finden diese Mittel aber in Deutschland oft nicht – und müssen deshalb früh ins Ausland ausweichen. Wenn Investoren in Deutschland zögern, während US-Fonds mit offenen Armen warten, ist die Entscheidung für viele Gründer fast zwangsläufig: „Wir gehen dorthin, wo das Wachstum möglich ist.“
Das eigentlich Tragische daran: Startups, die Deutschland verlassen, sind oft besonders erfolgreich. Eine Analyse zeigt, dass abgewanderte europäische Unternehmen deutlich häufiger einen Börsengang (IPO) oder eine Übernahme erreichen.4 Mit anderen Worten: Deutschland verliert nicht irgendeine Masse – es geht die Spitze.
Der USA-Vergleich: schmerzhaft, aber aufschlussreich
Wenn man in die USA blickt, wird sofort klar, warum es so viele junge Unternehmen dorthin zieht. Dort ist Venture Capital keine Randerscheinung, sondern ein zentraler Bestandteil des Wirtschaftssystems. Institutionelle Investoren, insbesondere Pensionsfonds, investieren massiv in Startups. In Deutschland hingegen ist das Volumen kleiner, institutionelle Anleger sind oft durch Regulierung ausgebremst.
Auch hier zeigen die Zahlen eindrucksvoll den Unterschied: In Deutschland lag die Investitionsquote im VC zwischen 2018 und 2022 im Bereich von etwa 0,25 % des BIP, in den USA lagen die Werte mit 0,85% für diese Zeiträume deutlich höher.5 In den USA standen 2021 rund 269 Mrd. US-Dollar Venture Capital zur Verfügung – in Deutschland nur rund 17 Mrd. US-Dollar. Diese Kluft im Kapitalvolumen macht sich unweigerlich im Wettbewerb bemerkbar.
Warum es DeepTech am schwersten hat
Besonders dramatisch ist die Lage für Startups aus dem Bereich DeepTech. Sie repräsentieren genau die Technologien, die am härtesten an Grenzen stoßen. Denn diese Firmen brauchen viel Kapital, kostenintensive Infrastruktur bei gleichzeitig langen Entwicklungszyklen.
Beim Übergang von Forschung zur kommerziellen Skalierung entstehen zu viele Brüche. Es fehlt an großen Fonds, an mutigen Investoren – und oft schlicht an Orten, wo man die nächste Wachstumsstufe technisch überhaupt realisieren kann. Startups ziehen dorthin, wo Pilotanlagen und kapitalstarke Fonds bereits stehen: USA oder Asien.
Zeit für Veränderung
Wenn Deutschland weiterhin Spitzenforschung betreibt, aber die Wertschöpfung daraus systematisch ins Ausland fließt, wird das langfristige Folgen haben: wirtschaftlich, technologisch und geopolitisch.
Es braucht größere Fonds, die das Wachstum von DeepTech-Unternehmen finanzieren können. Institutionelle Investoren müssen endlich die Möglichkeit bekommen, nennenswerte Summen in Wagniskapital zu investieren, ohne durch überzogene Regulierung ausgebremst zu werden. Europa muss Kapitalmärkte harmonisieren, damit Startups nicht 27 verschiedene Unternehmensrechts- und Steuersysteme überwinden müssen. Und nicht zuletzt braucht es eine neue Gründerkultur, die Risikobereitschaft nicht als Naivität, sondern als Stärke begreift.
Die Zukunft entscheidet sich nicht im Labor – sondern im Scale-up, im schnellen globalen Wachstum. Die Talente sind da. Die Forschung ist da. Die Ideen sind da. Was fehlt, sind Kapital, Geschwindigkeit und der Wille, die Rahmenbedingungen endlich zu verändern.
Quellen
1 https://www.schalast.com/en/pdf/22_2146_COP_IEF_BVK_2023_EN_06_ES.pdf
2https://www.iwconsult.de/fileadmin/user_upload/pdfs/2024/240827_meta_studie_layout_engl.pdf
5 https://www.schalast.com/en/pdf/22_2146_COP_IEF_BVK_2023_EN_06_ES.pdf
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