Wie sich Waldbrände mithilfe von Technologie verhindern lassen

Die brennenden Wälder in Australien und Kalifornien waren im vergangenen Jahr groß in den Schlagzeilen. Aber auch hierzulande steigt mit dem Klimawandel die Gefahr von Waldbränden. Das Startup Dryad, das Teil des Netzwerks von 5-HT ist, hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, Waldbrände mithilfe von Technologie frühzeitig zu entdecken und zu verhindern. Im Interview erklärt CEO und Mitgründer Carsten Brinkschulte, wie ihre Lösung funktioniert, wann sie zur Verfügung steht und wie Waldbesitzer damit nicht nur Brände abwehren, sondern auch die Gesundheit und das Wachstum der Bäume verbessern können.

Carsten Brinkschulte, CEO und Mitgründer von Dryad
Carsten Brinkschulte, CEO und Mitgründer von Dryad

Warum sind Waldbrände so eine große Gefahr?

Aufgrund des fortschreitenden Klimawandels wird die Zahl der Waldbrände nicht nur in Kalifornien und im Amazonas, sondern auch in Europa und speziell in Deutschland immer größer. Früher war mir nicht bewusst, dass Waldbrände bis zu 20 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursachen. Das entspricht in etwa der Menge, die der gesamte Verkehr ausstößt – also alle Autos, Flugzeuge und Schiffe zusammen. Gleichzeitig geht durch Waldbrände der größte CO2-Speicher der Welt verloren. Das ist nicht nur ein massives Problem für die Umwelt, sondern verursacht auch hohe wirtschaftliche Schäden. Weltweit entstehen durch Waldbrände jedes Jahr direkte und indirekte Schäden in Höhe von 140 Milliarden US-Dollar. Allein Kalifornien hat letztes Jahr 2 Milliarden US-Dollar für die Bekämpfung von Waldbränden ausgegeben. Deshalb bieten wir mit Dryad eine technische Lösung an, um Waldbrände frühzeitig zu erkennen und zu verhindern.

Wie kam es zur Gründung von Dryad?

Vor der Gründung von Dryad im Januar 2020 hatte ich bereits 25 Jahre lang im Bereich Telekommunikation und Netzwerkinfrastruktur gearbeitet und mehrere Startups erfolgreich aufgebaut. Als ich erkannte, wie groß das Problem der Waldbrände ist, wollte ich meine Erfahrungen dafür nutzen, etwas Sinnvolles zu tun. Was wir bei Dryad machen, unterscheidet sich gar nicht so sehr von meinen früheren Startups im Telekommunikationsbereich, denn nach unserem Motto „Connecting the Natural World“ bauen wir Kommunikationsnetzwerke, um natürliche Ökosysteme wie zum Beispiel den Wald besser analysieren und schützen zu können. Wir sind ein Team von sechs Mitgründern aus verschiedenen Bereichen wie Technologie, Finanzen, Vertrieb und Unternehmensstrategie. Für den wissenschaftlichen Hintergrund ist Dr. habil. Jürgen Müller sehr wichtig für uns, da er im Forschungsbereich Waldökologie bereits ein universitäres Projekt zum Thema Waldbrandfrüherkennung durchgeführt hat, sodass wir nun auf dieser Grundlage ein kommerzielles Produkt entwickeln können.

Wie funktioniert die Früherkennung von Waldbränden mit Dryad?

Wir erkennen Waldbrände nicht anhand von Rauchmeldern, sondern anhand von Gassensoren, die wir im Wald ausbringen. Diese Sensoren haben wir mithilfe von KI darauf trainiert, typische Gasgemische zu detektieren, die während der Schwelbrandphase – der Frühphase eines Waldbrandes – auftreten. Wenn es charakteristische Veränderungen in der Gaszusammensetzung gibt, wird ein Alarm über ein Funknetzwerk ausgesendet, das wir ebenfalls im Wald installieren. Über die Mesh Gateways dieses Netzwerks werden die Daten ins Internet übertragen. Schließlich fließen sie in einem Cloud-System zusammen, wo sie analysiert und aufbereitet werden. Der Nutzer kann über eine Web-Applikation sehen, wo die Sensoren in seinem Waldgebiet platziert sind und welche Daten sie aussenden. Im Fall eines Alarms wird er per E-Mail oder SMS benachrichtigt. Dank der Geokoordinaten des Sensors kann die Feuerwehr daraufhin über einen Google-Maps-Link direkt zum Ort des Schwelbrandes geführt werden, sodass das Feuer in einem sehr frühen Stadium gelöscht wird, bevor es sich ausbreiten kann.

Welche weiteren Anwendungen sind mit Dryad möglich?

Wir richten uns sowohl an die öffentliche Hand als auch an private Waldbesitzer. Insbesondere private Besitzer, die kommerzielle Waldfarmen betreiben, haben nicht nur ein Interesse daran, Brände zu verhindern, sondern auch daran, den Gesundheitszustand und das Wachstum des Waldes über die Jahre hinweg zu überwachen, weil auf diese Weise die Holzproduktion gesteigert werden kann. Dafür sind zum Beispiel Daten zur Bodenfeuchte, zur Temperatur oder zum Umfang der Bäume relevant. Da wir den offenen IoT-Kommunikationsstandard LoRaWan nutzen, können wir für die automatisierte Erfassung dieser Daten zahlreiche Sensoren von Drittherstellern in unser System integrieren, um die dadurch erhobenen Daten über unsere Anwendung zur Verfügung zu stellen.

Wie weit seid ihr mit der Entwicklung eures Produkts?

Wir haben mittlerweile ein MVP entwickelt, das wir in einem Wald im brandenburgischen Eberswalde installiert haben. Obwohl es nur ein Prototyp ist, funktioniert er seit Februar sehr gut und zuverlässig. Jetzt sind wir in der Phase, in der wir aus dem Prototyp ein Produkt machen, das auch massenfertigungstauglich ist, sodass wir auf sehr niedrige Stückkosten kommen und unser System in großem Umfang ausbringen können.

Feuerwehreinsatz bei einer Live-Demonstration der Lösung von Dryad in Eberswalde
Feuerwehreinsatz bei einer Live-Demonstration der Lösung von Dryad in Eberswalde

Was sind die nächsten Ziele für Dryad?

Die Produktentwicklungsphase soll im Sommer dieses Jahres abgeschlossen sein. Daraufhin wollen wir mit den ersten Proof of Concepts in Live-Umgebungen beginnen. Dafür haben wir schon zehn LoIs von Waldbesitzern, neun davon in Deutschland, mit Wäldern von bis zu 7500 Hektar Größe. Ende des Jahres soll daraufhin ein kommerzielles Produkt zur Verfügung stehen, sodass wir ab 2022 mit den ersten großen Kunden zusammenarbeiten können.

Wie finanziert ihr euch aktuell?

Im September haben wir eine Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von 1,8 Millionen Euro abgeschlossen. Nun werden wir unterstützt von Brandenburg Kapital, dem lokalen Venture-Capital-Fonds, von STIHL, dem Weltmarktführer im Bereich Forstwirtschaftsgeräte, von dem Energieunternehmen LEAG und von einem Impact Investor. Nächstes Jahr steht unsere Series-A-Finanzierung an.

Wie kann 5-HT euch auf eurem weiteren Weg unterstützen?

Wir freuen uns sehr über Beratung und Coaching im Bereich Marketing und Kommunikation, zum Beispiel in Bezug auf die Frage, wie wir unser Unternehmen gegenüber Kunden, aber auch gegenüber Investoren am besten präsentieren können. Es ist für uns aber auch interessant zu sehen, ob es im Netzwerk von 5-HT potenzielle Sponsoren, Kunden oder Kooperationspartner für uns gibt. Da wir auf ein indirektes Vertriebskonzept setzen, sind wir insbesondere offen für Kontakte mit Unternehmen aus der ganzen Welt, die unser Produkt gerne whitelabeln und in ihr eigenes Portfolio aufnehmen würden.


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