„Access over ownership: Vermieten statt verkaufen mit circuly“

Mit der Idee eines Mietmodells für Kinderwägen fing alles an. Der Sprung zur Industrie schien groß, doch war dies tatsächlich nur ein kleiner Schritt zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell: Das Startup circuly unterstützt mit seiner Software die Vermietung von physischen Gütern. Ganz im Sinne der Circular Economy will circuly damit nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen. Im Interview mit 5-HT erzählt Mitgründerin und Geschäftsführerin Victoria Erdbrügger von ihrem Weg über Kinderwägen und Powerbanks bis hin zu einem Modell für zirkuläre Mietmodelle.

Wie alles begann

„Mein Mitgründer und Managing Director Nick Huijs ist bis heute stolzer Besitzer von 50 Kinderwägen. Nick kommt aus den Niederlanden und stammt wie ich aus einer Unternehmerfamilie. Während seiner Thesis zum Thema circular economy und access over ownership entschied er sich damals, sein eigenes kleines Vermietungsprojekt zu starten – mit 50 Kinderwägen. Doch die gewöhnlichen E-Commerce-Shops bieten viele Funktionen und Möglichkeiten nicht an, wie einem Checkout für wiederkehrende Zahlungen oder eine Bonitätsprüfung der Kunden in Echtzeit. Deshalb entwickelte Nick seine eigene Software für die Vermietung der Wägen. Und dann meldeten erste Unternehmen Interesse an dieser Software an. Das war die Geburtsstunde der Idee, ein reines Software-Service Modell anzubieten und möglichst vielen Shops zu ermöglichen, ihre Produkte ebenfalls zu vermieten statt sie zu verkaufen.

Ich selbst habe Wirtschaftspsychologie studiert und International Business. Durch Zufall kam ich an die Founders Foundation in Bielefeld, eine gGmbH der Bertelsmann-Stiftung, die die Entrepreneure in der Region fördern möchte – mit besonderem Fokus auf B2B, Software und Service Unternehmen. Mit einer Freundin hatte ich damals die Idee, Powerbanks zu vermieten. Wir haben aber kein passendes Business-Modell gefunden, also haben wir die Idee verworfen. Daraufhin hat die Founders Foundation mich und Nick zusammengebracht, denn Nick hatte eine Idee, aber keine Co-Founderin, und ich hatte den Tatendrang, etwas Neues zu machen. Wir waren vom Skillset sehr verschieden, aber vom Mindset passen wir sehr gut zusammen. So kam eins zum anderen und wenige Monate später, im April 2020, haben wir circuly gegründet. Inzwischen haben wir ein diverses, siebenköpfiges Team.“

Was circuly ist

„Circuly ist eine Software, die es Unternehmen ermöglicht, ihre Produkte auch zu vermieten, statt nur zu verkaufen. Wir machen die Webshops dieser Welt smart für die Vermietung: Circuly liefert ein Add-on für Webshops, mit dem Mieten genauso einfach wird wie Kaufen und der Shop-Betreiber seine Produkte über die verschiedenen Mietzyklen nachverfolgen kann.

Unsere Software ist ganz im Sinne der Circular Economy. Produkte und ihre Einzelteile sollen so lange im Zyklus bleiben, wie es nur geht. Wir möchten, dass Unternehmen Verantwortung für die Langlebigkeit und Qualität ihrer Produkte übernehmen. Das heißt, dass der Hersteller das Produkt am Ende seines Lebens auch ordnungsgemäß recycelt oder entsorgt.“

circuly ermöglicht Mietmodelle im Sinne der Kreislaufwirtschaft
circuly ermöglicht Mietmodelle im Sinne der Kreislaufwirtschaft

Vier Gründe für ein circular rental model – die Unternehmensseite

„Wenn man Nachhaltigkeit an Unternehmen verkaufen möchte, muss man auch einen wirtschaftlichen Vorteil versprechen können. Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich verkauft werden. Daher bringen wir mit circuly die Themen ‚wirtschaftliches Handeln‘ und ‚nachhaltiges Denken‘ zusammen.

Wenn du ein Produkt verkaufst, hast du erstmal selbst Herstellungskosten. Beim Verkauf schlägst du daher einfach eine Marge drauf. Wenn du ein Produkt aber vermietest, kannst du es nicht nur an einen, sondern an mehrere Kunden vermieten. Das heißt, während die Herstellungskosten natürlich gleich bleiben, kann man mit einer ganz anderen Marge für ein Produkt rechnen: Ein Kunde von uns erzielt zum Beispiel mit deinen Mietprodukten eine fünfmal so hohe Marge als beim klassischen Verkaufsmodell.

Ein weiterer Vorteil ist, dass man den Zweitmarkt kontrollieren kann: Die meisten Produkte finden sich auf Online-Marktplätzen für Gebrauchtwaren und werden dort weiterverkauft. Wenn wir an das Beispiel der Kinderwägen zurückdenken: Nach zwei Jahren kann dieser Kinderwagen noch eine so gute Qualität haben, dass er fast zum Neuwert weiterverkauft wird. Wenn man als Unternehmen aber Eigentümer des Produktes bleibt, dann bleibt man auch Herr über den Umsatz auf dem Zweitmarkt. Und das ist ein großer wirtschaftlicher Gewinn.

Außerdem spricht man durch ein zusätzliches Mietmodell neue Kundengruppen an: Man erreicht zum Beispiel Menschen, die das Produkt nur für kurze Zeit brauchen, und die das Geld für einen Komplett- oder Neukauf nicht aufbringen können.

Dies ist aber nur eine Seite der Vorteile. Auf der anderen Seite kann man als Unternehmen eine Menge Informationen über das eigene Produkt und dessen Nutzung sammeln, wenn man es vermietet: Wie wird das Produkt genutzt? Welche Bruchstellen tauchen häufiger auf? Wie kann ich das Produkt qualitativ noch hochwertiger machen, damit ich es noch ein drittes, viertes oder auch achtes Mal vermieten kann? So kann man nicht nur die eigene Marge erhöhen, sondern auch der Umwelt etwas zugutetun.“

Vier Gründe für ein circular rental model – die Kundenseite

„Wir haben eine Umfrage durchgeführt und 1000 Endkunden über die Akzeptanz zu einem Mietmodell befragt, um mehr über den Markt unserer Kunden herausfinden zu können. Anfangs hatten wir die Hypothese, dass ein Mietmodell vor allem bei drei Kategorien Sinn macht: Erstens bei einer Nutzung von Produkten für kurze Zeit, wie der klassische Kinderwagen. Zweitens alle Produkte, die sehr serviceintensiv sind und mit eben diesem Service vermietet werden. Drittens Produkte, die einen sehr hohen Preis haben. Das ist besonders im B2B-Bereich recht weit verbreitet, da große Maschinen heutzutage häufig gemietet oder geleased werden.

Mit diesen drei Hypothesen sind wir in die Umfrage gegangen – und bekamen sehr ähnliche Antworten. Aber überraschend war die vierte Erkenntnis, dass vielen Kunden ein nachhaltiger Konsum sehr wichtig ist. Uns stimmte es sehr positiv zu sehen, dass bereits ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und die Möglichkeit, Produkte auch zu mieten, schon präsent ist.“

Für wen circuly gedacht ist

„Wir sind industrieagnostisch, und fokussieren uns auf die Vermietung von physischen Gütern. Das können Produkte sein, die für den Endkonsumenten zuhause gedacht sind, oder Medizingeräte, die von Krankenhäusern gemietet werden. Daher sind wir auch für die Chemie- und Pharmaindustrie interessant, denn auch sie können von der Möglichkeit, ihre Produkte zu vermieten statt zu verkaufen, profitieren – sei es die Vermietung von großen Maschinen oder Anlageteilen in der Chemieindustrie oder die Vermietung von Medizingeräten wie Notrufsysteme. Die Vermietung von Medizingeräten ist nicht nur im B2B Bereich interessant, sondern auch für Arztpraxen oder für Privatpersonen bei Pflege zuhause, denn die können sich die Geräte sonst oftmals nicht leisten. Und Anlageteile, wie man sie in der Chemieindustrie benötigt, können ebenfalls zu teuer sein. Deshalb werden sie immer öfter geleased oder gemietet, wo wir ins Spiel kommen.

Circuly richtet sich besonders an Unternehmen, die im E-Commerce tätig sind und ihre Produkte online vertreiben. Auf der einen Seite fokussieren wir uns auf Unternehmen, die sich nur auf die Vermietung ihrer Produkte beschränken, denn diese Unternehmen arbeiten aktuell viel mit Excel-Tabellen und haben viele manuelle Prozesse im Hintergrund. Das erfordert natürlich viel Manpower und ist sehr zeitaufwendig. Auf der anderen Seite richten wir uns an Unternehmen, die bisher ein reines Abverkaufsmodell haben und die Marktchance sehen, die eigene Produkte auch zu vermieten.“

circuly Dashboard
circuly Dashboard

Auf welchem Stand circuly ist

„Wir haben uns im April 2020 gegründet, und direkt unsere ersten Kunden gewinnen können. Unsere Kunden nutzen unsere Software und geben uns Feedback, sodass wir circuly sehr nah am Markt entwickeln können. Unsere Kunden sind jetzt schon sehr branchendivers, von Unternehmen aus der Möbelbranche über Büchervermietung bis hin zu Unternehmen, die Notrufsysteme vermieten. Bis Ende des Jahres 2020 wollen wir dann eine marktfertige Version der Software entwickelt haben.

Momentan ist gerade der B2B-Bereich für uns in einer komfortablen Situation, denn der Bereich ist noch nicht so digitalisiert wie B2C. E-Commerce-Shops sind im B2B Bereich noch nicht gang und gäbe, aber das Mietmodell an sich ist etabliert. Daher ist B2B für uns ein spannendes Feld, da wir hier die Bereiche Digitalisierung und Vermietung besonders gut zusammenbringen können.“

Was circuly sucht

„Unsere erste Finanzierungsrunde haben wir Anfang des Sommers 2020 abgeschlossen. Dieses Jahr ist ein weiteres Wachstum geplant. Interessant sind vor allem Investoren aus dem B2B-Bereich – daher ist für uns das Netzwerk von 5-HT auch so wertvoll.

Weil wir sehr viel Wert auf einen branchenunabhängigen Ansatz legen, ist das Netzwerk von 5-HT für uns besonders interessant, denn diese Branchen haben wir bisher noch nicht erschlossen. Wir wollen eine unabhängige Lösung im circular rental model schaffen und suchen daher auch nach neuen Kunden im Bereich der Pharma- und Chemieindustrie.

Auch Partnerschaften mit Unternehmen sind für uns wertvoll, mit denen wir partnerschaftlich gemeinsam das Produkt weiterentwickeln können.

Der Großteil unserer Kunden sitzt aktuell in Deutschland, aber wir sind auch schon international unterwegs. Wir sind in Gesprächen mit Unternehmen auf der ganzen Welt und wollen uns international etablieren.“

Was circuly uns noch mitteilen möchte

„Immer wieder merke ich, dass Unternehmen das Thema ‚circular economy‘ als ein sehr theoretisches und riesiges Thema betrachten. Ich würde mir wünschen, dass die circular economy zu einem Thema wird, das man ganz einfach mal umsetzt. Dazu gehört, als Unternehmen auch mal etwas Neues auszuprobieren. Es gibt sehr viele und schnelle Möglichkeiten, einen ersten Schritt Richtung circular economy zu gehen – wie zum Beispiel ein Mietmodell. Außerdem hat das Thema ein riesiges Potential für Unternehmen – es wurde von der Ellen MacAthur Foundation auf 4,4 Milliarden Dollar tituliert.

Ein Mietmodell mit circuly lässt sich innerhalb von Minuten umsetzen – und so kann man einfach mal ausprobieren, wie das Modell am Markt aufgenommen wird. Ich würde mir wünschen, dass Unternehmen öfter etwas Neues in Richtung circular economy ausprobieren würden.“


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