„Wir investieren in die Person des Gründers“

Für Software-Startups mit B2B-Lösungen im industriellen Umfeld, die in der Series-A- oder Pre-Series-A-Phase auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten sind, ist JOIN Capital die richtige Adresse: Der Fonds aus Berlin investiert in innovative technologische Lösungen mit globalem Potenzial. Managing Partner Jan Borgstädt, der selbst Erfahrung als ehemaliger Startup-Gründer hat, erzählt im Interview mit 5-HT, warum bei JOIN Capital B2B-Lösungen im Fokus stehen, welche Rolle dabei die Chemie- und Pharmabranche spielen und welche Tipps Startups bei der Suche nach Investoren beachten sollten.

JOIN Capital Team
JOIN Capital Team

Wie kam es zur Gründung von JOIN Capital?

Sebastian von Ribbentrop, Tobias Schirmer und ich haben JOIN Capital ab 2015 zusammen aufgebaut, weil wir zwei Beobachtungen gemacht hatten. Die eine Beobachtung war, dass die Industrie in Deutschland und Europa zu diesem Zeitpunkt sehr wenig digitalisiert war, während andere Branchen, zum Beispiel Medien, Telekommunikation oder Handel, bereits wesentlich weiter waren oder den Digitalisierungsprozess sogar schon abgeschlossen hatten. Die andere Beobachtung war, dass in der Startup-Welt immer mehr B2B-Gründungen in der Cloud stattfanden – nur nicht in der Industrie, sondern eher in anderen Branchen wie zum Beispiel in der Werbung. Also haben uns gefragt: Was wäre, wenn Software über die Cloud in Zukunft auch an die Industrie geliefert werden würde? Uns war klar, dass darin ein unglaubliches Potenzial für Unternehmer liegt, denn durch die Cloud ist eine extreme Ausweitung des Marktes möglich. Wenn ein Startup seine Software über die Cloud zur Verfügung stellt, fallen geografische Limitierungen weg, weil es vom ersten Tag an Kunden auf der ganzen Welt ansprechen kann. Außerdem sind Startups dadurch in der Lage, mit großen Softwareanbietern zu konkurrieren, weil sie ihren Kundenservice über die Cloud abwickeln und somit einen globalen Support anbieten können, was früher nur großen Unternehmen möglich war. Diese Faktoren, die wir in anderen Branchen beobachtet hatten, haben wir für die Industrie weitergedacht – denn schließlich ist die Industrie das Rückgrat der europäischen Wirtschaft, und die Digitalisierung kann eine große Chance für diesen Bereich sein.

Wie hat sich JOIN Capital seit seiner Gründung weiterentwickelt?

Inzwischen haben wir ein Team von zehn Personen aufgebaut und beschäftigen sechs weitere bei Dienstleistern. Unser aktuelles Portfolio besteht aus zwölf Startups. Zurzeit machen wir drei weitere Investments, sodass es bis Ende des Jahres 15 Startups sein werden. Im nächsten Jahr werden wir einen zweiten, etwas größeren Fonds mit einem Volumen von 100 Millionen Euro gründen, damit wir in die nächsten 20 Firmen investieren können und dabei auch pro Firma mehr finanzielle Mittel einsetzen können als bisher.

Warum stehen nicht B2C-, sondern B2B-Gründungen bei JOIN Capital im Fokus?

Wir haben beobachtet, dass es im B2C-Bereich häufig zwei Nachteile gibt: Zum einen beginnen B2C-Startups in der Regel nicht global, sondern etablieren sich erst einmal in einem Markt, bevor sie Schritt für Schritt in andere Märkte expandieren. Das Problem ist aber, dass in anderen Ländern häufig ähnliche Produkte zur gleichen Zeit entwickelt werden, sodass der Markteintritt später schwierig wird. Das Potenzial von B2C-Lösungen aus Deutschland bleibt deshalb oft auf diesen Markt beschränkt. Zum anderen kommt es häufig vor, dass bereits innerhalb Deutschlands mehrere Unternehmen gleichzeitig mit ähnlichen Lösungen starten, sodass ein Wettrennen beginnt, bei dem am Ende nicht unbedingt das beste Unternehmen gewinnt, sondern dasjenige, das am meisten Geld für Marketing ausgegeben hat. Für uns als Investoren sind B2C-Produkte deshalb weniger attraktiv als B2B-Produkte. Im B2B-Bereich investieren wir gerne in sehr spezifische Lösungen, die man von außen betrachtet vielleicht für Nischenlösungen hält. Das große Potenzial liegt aber darin, dass unsere Startups diese Nischen global abdecken können.

In welcher Phase der Startup-Entwicklung investiert JOIN Capital?

Wir investieren in der Series-A-Phase oder in der frühen Series-A-Phase, wenn die Gründer bereits ihre Software entwickelt und die ersten Kunden überzeugt haben. In dieser Phase geht es darum, das Produkt weiterzuentwickeln, weitere Kunden hinzuzugewinnen und somit den Marktausbau voranzutreiben.

Wie werden die Startups in eurem Portfolio finanziert?

Aktuell erhalten die Startups von uns zu Beginn zwischen 1,5 und 2 Millionen Euro. Den gleichen Betrag halten wir zusätzlich als Reserve für zukünftige Finanzierungsrunden bereit. Wir kaufen keine Firmen – was ein häufiges Missverständnis ist –, sondern beteiligen uns lediglich an ihnen, wobei unser Anteil zwischen 15 und 20 Prozent beträgt. Nach sechs bis acht Jahren verkaufen wir unseren Anteil wieder, um das Geld an unsere Investoren zurückzuzahlen.

Inwiefern sind die Chemie- und Pharmaindustrie für euch relevante Branchen?

Viele unserer Portfolio-Firmen entwickeln Lösungen, die sich in der Chemie- und Pharmaindustrie einsetzen lassen. Eines unserer Startups, Flexciton, unterstützt zum Beispiel Kunden aus den verschiedensten Branchen dabei, ihre Produktionsprozesse zu automatisieren. Datapred, ein anderes unserer Startups, ermöglicht es Unternehmen, beim Einkauf von Rohstoffen drei bis fünf Prozent der Kosten zu sparen, indem mithilfe von KI der ideale Kaufzeitpunkt identifiziert wird. Aktuell investieren wir außerdem in eine Firma in Benelux, die Laborprozesse digitalisiert. Mit der Software dieses Startups können Experimente simuliert werden, sodass sie nicht mehr physisch durchgeführt werden müssen, was die Kosten deutlich verringert und die Entwicklungszeiten extrem verkürzt. Ein skandinavisches Unternehmen, in das wir ebenfalls in diesem Jahr investieren werden, nutzt KI, um die Patentrecherche zu vereinfachen, die für Pharma- und Chemieunternehmen ansonsten ein sehr aufwendiger manueller Prozess ist. In Zukunft werden sicherlich noch viele weitere Startups hinzukommen, die die Digitalisierung in der Chemie- und Pharmaindustrie vorantreiben können.

Welche Tipps habt ihr für Startups, die in euer Profil passen und mit JOIN Capital in Kontakt treten wollen?

Ein Rat an alle Gründer: Sucht euch eine Person aus eurem Netzwerk, die uns bereits kennt und die bereit ist, euch zu empfehlen. Weil wir jeden Tag viele Nachrichten von Startups bekommen, ist es für uns effizient, den persönlichen Empfehlungen von Freunden oder ehemaligen Arbeitskollegen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Natürlich können Startups aber auch direkt über unsere Webseite oder über LinkedIn mit uns Kontakt aufnehmen. Beim ersten Gespräch mit dem Startup stellen wir uns folgende Fragen: Löst das Startup ein Problem, das viele Unternehmen haben? Wären diese Unternehmen bereit, für die Lösung des Startups zu zahlen? Ist es eine einzigartige Lösung, die nicht sofort von jedem kopiert werden kann? Und vor allem: Ist der Gründer oder die Gründerin dazu in der Lage, dieses Startup zum Erfolg zu führen? Die Person hinter dem Unternehmen ist für uns ganz wesentlich, denn die Zukunft ist höchst ungewiss – das Einzige, was gewiss ist, ist, dass wir in diese Person investieren. Der Gründer sollte uns also davon überzeugen, dass er auch starken Gegenwind aushält und dass er alle Hürden, die in Zukunft auftreten werden, irgendwie überwinden wird.

Wie kann 5-HT JOIN Capital dabei unterstützen, passende Startups zu identifizieren und die Digitalisierung in der Industrie voranzubringen?

Für uns ist 5-HT eine gute Plattform, um größere Aufmerksamkeit für unseren Fonds und für die Startups in unserem Portfolio zu bekommen. Womöglich kann ein Netzwerk wie 5-HT Gründungswillige auch dazu motivieren, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Ein Startup zu gründen ist nie leicht, aber gerade im Softwarebereich war es nie leichter als heute, weil es viele Fördermöglichkeiten gibt und weil viele Lösungen, die man als Startup braucht, mittlerweile kostenlos oder zu variablen Kosten verfügbar sind. Wir freuen uns natürlich auch, wenn die Unternehmen aus dem Netzwerk von 5-HT mal einen Blick in unser Portfolio werfen und die eine oder andere Startup-Lösung testen. Das Risiko ist dabei sehr gering, aber die Chancen für Unternehmen sind riesig.


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