Eye Care For You: Mobile Netzhaut-KIs ermöglichen schnellere Diagnostik

‚Die Augen sind das Fenster zur Seele‘ – so lautet ein berühmtes Sprichwort. Wissenschaftlich korrekter wäre vermutlich aber ‚die Augen sind das Fenster zur Gesundheit eines Menschen‘. Denn über die Netzhaut lassen sich nicht nur ganz allgemeine Parameter wie Bluthochdruck feststellen. Sie kann auch bedeutende Hinweise auf Krankheiten geben, die möglicherweise noch nicht erkannt wurden.

Eye2you will dieses ‚Fenster zur Gesundheit‘ öffnen: Mit einer mobilen, einfach zu handhabenden Smartphone-App sollen Fotos der Augennetzhaut in Zukunft schnell, günstig und effektiv ausgewertet werden. Und das ohne dass der Patient lange Wartezeiten und den Gang zu einem Facharzt auf sich nehmen muss. Im Interview mit 5-HT erzählt Dr. Jörn-Philipp Lies, CEO und Mitgründer von eye2you, wie die Idee zu eye2you aus Äthiopien und Korea bis nach Deutschland reiste, um ganz neue Möglichkeiten der Diagnostik zu eröffnen.

Dr. Jörn-Philipp Lies, CEO und Mitgründer von eye2you
Dr. Jörn-Philipp Lies, CEO und Mitgründer von eye2you

Das Fenster zur kombinierten Mobilität und KI

„Auf der einen Seite gibt es bereits Unternehmen, die sich auf Telemedizin spezialisiert haben. Sie nutzen Smartphones, um mobile Aufnahmen zu machen. Aber die daraus entstandenen Daten werden zu Fachärzten weitergeleitet, statt sie direkt vor Ort auszuwerten. Auf der anderen Seite gibt es auch Unternehmen, die sich auf Künstliche Intelligenzen spezialisiert haben und die Auswertung der Daten sofort vornehmen. Allerdings arbeiten sie nur mit stationären Geräten und KI-Diensten in der Cloud. Der Patient muss dennoch zu einem Arzt, der diese Geräte vor Ort hat. Es gibt also keine Kombination aus mobilen Geräten und Künstlichen Intelligenzen für die Erstellung und Auswertung von medizinischen Aufnahmen live vor Ort. Genau das wollen wir mit eye2you zusammenbringen.“

Das Fenster zur Netzhaut

„Als Patient über 35 hat man für gewöhnlich alle zwei bis drei Jahre einen Check-Up Termin beim Hausarzt. Zu diesem Check-Up gehören normalerweise ein Blutbild, vielleicht ein EKG vom Herz und einige andere Standarduntersuchungen. Wir von eye2you möchten erreichen, dass ein Patient bei diesem Check-Up neben diesen Standarduntersuchungen auch noch eine Untersuchung des Augenhintergrunds, also der Netzhaut, erhält, die nur wenige Minuten dauert.

Das funktioniert eigentlich ganz einfach: Der Hausarzt oder die medizinischen Fachangestellten nutzen ein handgehaltenes Funduskop, eine Art Lupe in der Größe eines Föns zur Beurteilung der Netzhaut. Hinter das Funduskop wird ein Smartphone eingesteckt. Das Smartphone macht dann ein Foto der Netzhaut und wertet es anschließend mit unserer App direkt aus. So kann schnell erkannt werden, ob es Netzhauterkrankungen oder Veränderungen der Netzhaut gibt.

Handgehaltenes Funduskop mit Software von eye2you
Handgehaltenes Funduskop mit Software von eye2you

Die Idee dahinter ist also, dass unsere Untersuchung genauso einfach ist wie alle anderen Check-Ups. Die Untersuchung soll nicht nur in Arztpraxen möglich sein, sondern auch durch Pflegedienste, die zum Patienten nach Hause fahren und dort neben Blutdruck und Blutzucker auch die Netzhaut untersuchen. Das soll natürlich nicht den Augenarzt ersetzen, aber eine weitere Möglichkeit der Untersuchung bieten.“

Das Fenster zum Patienten

„Unserer Meinung nach sollte die medizinische Versorgung sich nach dem Patienten ausrichten. Das heißt, sie sollte auch bequem und einfach beim Patienten Zuhause möglich sein. Das ist besonders bei älteren Menschen essentiell, aber auch für Unternehmen und deren Betriebsärzte ist eine mobile medizinische Versorgung wichtig. Und nicht zuletzt ist es unser Ziel, dass in Zukunft auch Hausärzte unsere diagnostischen Verfahren vornehmen können. Damit ersparen wir Patienten die lange Wartezeit auf einen Termin bei einem Facharzt und die Anfahrt dorthin, aber entlasten auch die wenigen Fachärzte. Außerdem kann so rechtzeitig erkannt werden, ob eine Erkrankung vorliegt, bevor bleibende Schäden oder ernsthaftere Veränderungen entstehen.“

Das Fenster zu einer ganzen Welt aus Erkrankungen

„Was man genau auf der Netzhaut erkennen kann, ist aktuell ein großes Forschungsthema. Die Netzhaut ist ein Teil der Gefäßstruktur des Körpers, die von außen sichtbar ist, da sie hinter einem durchsichtigen Schutz liegt. Das hat den Vorteil, dass man selbst kleinste Veränderungen an der Gefäßstruktur erkennen kann, die sonst nicht sichtbar wären. Krankheiten wie zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes, aber auch Demenz, Alzheimer und bestimmte Infektionskrankheiten kann man über die Netzhaut sehr gut erkennen, weil man direkt auf die Gefäße schauen kann – ohne dass diese Gefäße durch die Untersuchung gestört wären. Und natürlich lassen sich darüber auch Augenkrankheiten erkennen.

Die Netzhaut ist also ein zusätzlicher Hinweis auf Krankheiten, wobei die Veränderungen der Netzhaut bei Bluthochdruck und Diabetes schon sehr gut nachgewiesen sind. Studien haben sogar gezeigt, dass auch die Folgen einer schweren COVID19-Infektion auf der Netzhaut nachgewiesen werden können. Das zeigt, dass auch Viren zu Veränderungen der Netzhaut führen können.

Die Augennetzhaut und ihre Veränderungen sind ein interessantes Feld, das noch längst nicht ausreichend erforscht wurde. Es wird also spannend bleiben, was in zwei, drei oder fünf Jahren mit einer Untersuchung der Netzhaut alles zu diagnostizieren sein wird. Im Moment aber weist die Netzhaut bereits auf einige Erkrankungen hin und erleichtert so die Diagnostik. Statt zum Beispiel nur 24 Stunden den Blutdruck zu messen, kann auch die Netzhaut untersucht werden, um verlässlichere Diagnosen zu stellen.“

Das Fenster zur Geschichte eines Startups

„Unsere Gründung war eher eine zufällige Geschichte. Ich stamme aus dem Bereich KI für Neurowissenschaften. Vor eye2you war ich fünf Jahre als IT- und Strategieberater tätig und wollte dann wieder etwas tun, was mich ausfüllt. Ich wollte zurück zur Technik. Also habe ich einem befreundeten Professor aus Korea, Prof. Christian Wallraven, eye2yous scientific advisor, geschrieben und ihn nach Rat gefragt. Er erzählte mir von einem Doktoranden von ihm, der sich mit Entwicklungshilfe in Äthiopien beschäftigt. Er ist Optometrist, Spezialist im Aufnehmen von Netzhautbildern. In Äthiopien sind inzwischen sehr gute Aufnahmen der Netzhaut möglich, aber es fehlen genug Ärzte, die die Aufnahmen auswerten können. Daraus entstand die Idee, eine KI zu bauen, die eben diese Aufgabe übernimmt. Ich flog also vor zwei Jahren nach Korea und wir bauten einen ersten Prototyp, um unsere Idee zu testen – und stellten fest, dass unser Prototyp schon gut funktionierte.

Uns war schnell klar, dass wir für Entwicklungsländer eine mobile Lösung brauchten, die wir mit der KI verknüpfen. Das gab es aber bis dato nicht auf dem Markt. Wir holten Dr. Björn Browatzki, einen Experten für Computer Vision und KI, ins Team und beschlossen also, aus unserem Forschungsprojekt ein Startup zu gründen. Zusammen mit Prof. Dr. Philipp Berens aus der Augenklinik Tübingen als Mentor bekamen wir Ende 2019 das EXIST Gründerstipendium des BMWi und gründeten dann Anfang 2020 offiziell eye2you. Unser Sitz ist bei der Augenklinik Tübingen, sodass wir einen sehr engen Austausch mit den Ärzten und Wissenschaftlern dort haben.“

Das Fenster zu einer Vision

„Weiterhin erblinden jedes Jahr 20 Mio. Menschen weltweit an Krankheiten, die eigentlich sehr gut behandelbar wären. In Deutschland sind es immerhin noch mehrere Tausend Menschen jedes Jahr, die im arbeitsfähigen Alter erblinden oder teilweise erblinden, weil die Krankheiten zu spät diagnostiziert wurden. Das müsste nicht sein. Das Problem ist nur, dass es kein etabliertes Programm dafür gibt, wann regelmäßig die Netzhaut untersucht wird. Wir wollen diese Untersuchung einfacher, schneller und durch den Einsatz von KI auch günstiger verfügbar machen.

Unsere Vision ist, eye2yous Lösung zuerst in Deutschland, dann in Europa und anschließend überall auf der Welt anzubieten. Wir wollen Menschen weltweit in allen Ländern helfen können. Das gilt für ältere Menschen in Deutschland, für die die langen Wartezeiten auf einen Termin kritisch sein könnten, oder Menschen auf dem Land, die die langen Anfahrtswege nicht auf sich nehmen können oder möchten, aber speziell auch für Menschen in Entwicklungsländern, für die es nicht ausreichend medizinisches Fachpersonal gibt.“

Das Fenster zur Vernetzung – auch in Corona-Zeiten

„Als Startup haben wir nicht viel Zeit, aber trotzdem machen wir bei vielen Networking-Veranstaltungen mit, denn sie haben einen großen Mehrwert für uns. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel an 5-HTs Insuring Digital Health teilgenommen. Was gerade 5-HT besonders gut in ihren Programmen macht, ist die Auswahl der Partner – egal ob Versicherung, Industriepartner, Krankenkassen und so weiter. Als Startup hatte man dadurch einen leichten Zugang und konnte sich mit den verschiedenen Partnern auf Augenhöhe unterhalten. Das macht den ersten Kontakt deutlich einfacher als über E-Mails und Telefonanrufe. Außerdem gab es schon Vertrauen auf beiden Seiten, denn wenn ein Startup – oder ein Partner – von 5-HT für ein Programm ausgewählt war, war allen klar, dass vorher schon genau von 5-HT darauf geschaut worden war.

Was momentan – coronabedingt natürlich – sehr fehlt, sind persönliche Veranstaltungen. Ich habe bisher noch kein einziges Onlinekonzept für eine Networking-Veranstaltung gesehen, dass einen annähernd vergleichbaren Austausch ermöglicht hätte. Es wäre sehr interessant ein Programm zu besuchen, dass einen lockeren, offenen Kontakt zu allen Teilnehmenden ermöglicht und nicht nur einen meeting-getriebenen Austausch, wie ich ihn bisher beobachte.“

Das Fenster in die Zukunft

„Nächstes Jahr im Frühjahr planen wir, unseren ersten Prototypen fertig zu haben. Allerdings sind die Zulassungsverfahren im medizinischen Bereich sehr zeitaufwendig. Das war besonders in der Zusammenarbeit mit Investoren schwierig, die diese Zulassungen im medizinischen Bereich nicht kennen. Wir suchen Investoren aus dem Bereich der Business Angel oder Family Offices, die idealerweise schon Erfahrungen aus dem Medizinsektor mit sich bringen. Außerdem hoffen wir auf Kooperationen mit Krankenkassen, um erste Pilotprojekte einleiten zu können. Gleichzeitig sind auch Hausärzte für uns von Interesse, die offen sind für neue Methoden.“

Das Fenster zur Bitkom Digital Health Conference

„Die Digital Health Conference im Rahmen der Bitkom Digital Transformation Week, bei der wir diese Woche gepitcht haben und die unter anderem von Marco Majer vom 5-HT Digital Hub moderiert wurde, war wirklich top organisiert und hat sehr viel Spaß gemacht.

Im Vorfeld bei der Organisation und im Backstage-Bereich war eine richtig tolle Stimmung unter uns Startups. Man konnte sich prima schon mal etwas vernetzen und austauschen, fast wie bei physischen Pitches. Die Qualität der teilnehmenden Startups war auch beeindruckend und motivierend für uns, noch besser zu werden.

Und auch gelohnt hat sich die Veranstaltung schon, so sind im Nachgang schon direkt Vertreter von VCs und der Presse an uns heran getreten weil sie nach den 3 Minuten Blut geleckt hatten und mehr erfahren wollten.“

Das Fenster zur Zusammenarbeit mit 5-HT

„5-HT ist für uns in den letzten Monaten ein unheimlich wertvoller Partner bei der Vernetzung mit anderen Startups, Industrievertretern, Investoren und Krankenkassen geworden. Das Gesundheitssystem ist eine ganz eigene Welt, das merkt man immer wieder.

Wir hoffen, dass uns 5-HT hier noch lange begleiten kann und die jeweils richtigen Kontakte und Ratschläge im Laufe unserer Firmenentwicklung vom jetzt noch kleinen, visionären Startup zum großen, internationalen KI-Medtech-Player verschafft.“


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