Wie sich die Wende zur Wasserstoffwirtschaft gestalten lässt

Windräder, Solarpanels und E-Autos kennt jeder – aber spätestens seit die Bundesregierung im Juni diesen Jahres die Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet hat, rückt Wasserstoff als Energieträger immer mehr in den Fokus. Dr. Jörg Buisset ist überzeugt davon, dass wir für eine erfolgreiche Energiewende auf Wasserstoff setzen müssen. Mit seinem Startup Sustainable Hydrogen, das Teil des Netzwerks von 5-HT ist, setzt er sich dafür ein, eine Wasserstoffwirtschaft in Deutschland zu etablieren. Dazu führt er Leuchtturmprojekte durch, bei denen mit verschiedenen Partnern sämtliche Schritte von der Erzeugung über die Speicherung bis hin zur Nutzung von Wasserstoff abgebildet werden sollen. Im Interview mit 5-HT erzählt er außerdem von seinem Plan, ein digitales Ökosystem rund um das Thema Wasserstoff aufzubauen, das in Zukunft auch Chemieunternehmen dabei helfen kann, mithilfe des alternativen Energieträgers klimaneutral zu werden.

Warum ist Wasserstoff so wichtig für die Energiewende?

Die Energiewende wird nicht allein mit erneuerbarem Strom möglich sein. Lange Zeit wurde Wasserstoff als Energieträger nicht ernstgenommen, weil es in der Vergangenheit schon einige fehlgeschlagene Anläufe gegeben hat und die Diskussion sich allein auf das Auto fokussierte, bei dem der Elektroantrieb für bestimmte Einsätze häufig als effizienter angesehen wird. Es gibt aber manche Bereiche der Wirtschaft, die wir mit Elektrizität nicht dekarbonisieren können, zum Beispiel die Produktion von Ammoniak oder von Stahl. Wenn wir auf eine All Electric Society setzen, die ihre Energie ausschließlich aus erneuerbarem Strom bezieht, entstehen darüber hinaus Probleme bei der Speicherung und beim Transport der Energie. Zum Beispiel haben wir große Mengen an Solar- und Windenergie, die in Wüstenregionen oder in der Nordsee produziert werden können, aber der Transport über Stromkabel ist teuer, aufwendig und weniger effizient als mit Gasmolekülen. Deshalb sickert allmählich die Erkenntnis durch, dass wir für eine Abkehr von der fossilen Gesellschaft nicht nur eine neue Art von Strom brauchen, sondern eine Neugestaltung von Wertschöpfungsketten in Industrie und Gesellschaft.

Dr. Jörg Buisset

Mit welchem Konzept will Sustainable Hydrogen diese Energiewende vorantreiben?

Sustainable Hydrogen (s-H2) ist eine Betreibergesellschaft für Leuchtturmprojekte mit dem Ziel, eine Wasserstoffökonomie in Deutschland und Europa zu etablieren. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette geht es um die Wasserstofferzeugung aus erneuerbaren Energien, die Aufbereitung, den Transport, die Speicherung und Bereitstellung von Wasserstoff sowie die Entwicklung der entsprechenden Anwendungssysteme. Unserer Überzeugung nach ist es notwendig, diesen gesamten Kreislauf innerhalb einer Firma anzugehen, um dem Henne-Ei-Problem entgegenzuwirken und einen Markthochlauf zu ermöglichen. Die Betreibergesellschaft s-H2 arbeitet eng mit dem Ingenieurbüro HERE zusammen, das die konkrete Projektentwicklung für die Leuchtturmprojekte übernimmt. Dazu führen wir Politiker, Förder- und Investitionsbanken, Forschungseinrichtungen, Lösungsanbieter und junge Unternehmen mit innovativen Ideen zusammen, um gemeinsam Business Cases zu erarbeiten.

An welchen konkreten Projekten arbeitet Sustainable Hydrogen für die Etablierung einer Wasserstoffökonomie in Deutschland?

Zum einen haben wir auf Anregung des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands die Initiative H2Finance gegründet, eine Fachkommission mit Finanzdienstleistern, die sich für Investments in die Wasserstoffindustrie interessieren. H2Finance ist aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass Finanzdienstleister im Gegensatz zu Politik, Industrie und Forschung bislang kaum in das Thema Wasserstoff involviert sind. Dabei ist die Wasserstoffwirtschaft gerade für Finanzdienstleister, die an alternativen Investments in Infrastruktur interessiert sind, eine vielversprechende Option, um langfristig Kapital anzulegen.

Zum anderen haben wir die Initiative H2Berlin ins Leben gerufen, ein Netzwerk aus Versorgern, Entsorgern und Wirtschaftsunternehmen in Berlin, das sich dem Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur in der Region Berlin/Brandenburg widmen will. In einem ersten Schritt haben wir in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Jülich eine Studie durchgeführt, bei der wir festgestellt haben, dass Berlin bis 2025 mindestens 9000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr brauchen wird, um im Rahmen des kostenoptimalen Pfads bis 2050 klimaneutral zu werden. Von diesem Volumen ist die Stadt zurzeit aber noch weit entfernt. H2Berlin hat sich deshalb das Ziel gesetzt, ein unternehmens- und sektorenübergreifendes Leuchtturmprojekt (Showcase) zu definieren, das die Wasserstoffwirtschaft in Berlin anschieben wird.

Das erste Leuchtturmprojekt der s-H2 wird mit Konsortialpartnern in der Lausitz realisiert werden. Dort soll eine Industrieanlage zur Massenproduktion von grünem Wasserstoff und synthetischem Biomethanol entstehen. Die geplante Elektrolyseanlage wird über 30 Tonnen Wasserstoff pro Tag produzieren. Das CO2 aus den Abgasen eines nahgelegenen Biogaskraftwerks wird herausgefiltert und für die Methanol-Produktion verwendet. Bio-Methanol ist ein Pflichtadditiv für Diesel und Benzin in der EU. Es kann weiterhin als chemischer Grundstoff genutzt werden. Darüber hinaus wird die Industrieanlage mittels Rückverstromung und durch Ausgleich von Netzschwankungen netzdienliche Services anbieten.

In welcher Phase befindet sich s-H2 mit seinen Initiativen?

Der Arbeitskreis H2Finance hat sich zum Ziel gesetzt, bis Ende des Jahres die Rahmenparameter mit der Politik zu gestalten, die erforderlich sind, um Finanzdienstleistern die Investition in eine Wasserstoffinfrastruktur zu ermöglichen.

Unsere Initiative H2Berlin will bis Ende des Jahres einen Showcase zum Ankurbeln einer Wasserökonomie auf Basis erneuerbarer Energie für die Hauptstadt definieren. Parallel dazu wollen wir eine Roadmap für Berlin entwickeln, um aufzuzeigen, wie die Sektoren Wärme und Verkehr, die Hauptemittenten von CO2, Schritt für Schritt auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Für den Bau der Industrieanlage in Brandenburg sind wir aktuell mit der Antragsstellung für eine Machbarkeitsstudie zur Standortbestimmung beschäftigt, die wir dieses Jahr abschließen wollen. Das Ministerium für Wirtschaft, Energie und Arbeit in Brandenburg hat in einem Letter of Intent bereits seine Unterstützung zugesichert. Das Projekt ist Teil der Wasserstoffstrategie der Lausitz, die vom BMWi zur HyStarter-Region gewählt wurde. 2021 soll der erste Spatenstich zum Bau der Anlage erfolgen. Die Konsortialpartner dieser Initiative bilden die Keimzelle für unser digitales Ökosystem, das als Akzelerator für den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft und -infrastruktur dienen soll.

Durch den European Green Deal, den Europäischen Aufbauplan für den neuen EU-Haushalt nach Corona, die bereitgestellten Mittel zum Strukturwandel nach dem Kohlausstieg Deutschlands und die bereitgestellten Mittel zur Umsetzung der Wasserstoffstrategie des Bundes und der EU sehen wir für unsere Vorhaben sehr gute Aussichten auf umfassende Förderung.

Wie soll euer digitales Ökosystem aussehen, das als Plattform zum Hochfahren einer Wasserstoffökonomie auf Basis erneuerbarer Energien dienen soll?

Wir wollen eine Plattform schaffen, auf der sich die einzelnen Player des Wasserstoffmarktes zusammenfinden können, um zum einen ihre Kompetenzen miteinander zu verbinden und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Zum anderen soll die Plattform einen virtuellen Marktplatz für Anbieter und Abnehmer von Wasserstoff-Lösungen bilden. Es ist wichtig, den Markthochlauf im Bereich Wasserstoff digital zu unterstützen, weil in dieser Industrie nicht die Gelder, sondern die Kompetenzen das Bottleneck sind. Deshalb brauchen wir eine digitale Plattform, um neue Kontakte zwischen den Akteuren herzustellen. Auf dieser Plattform wird es möglich sein, eigene Services anzubieten oder nach den Leistungen anderer Anbieter zu suchen und so die für einen Markthochlauf erforderlichen Großprojekte zusammenzuschmieden. Damit ein solches Ökosystem funktioniert, brauchen wir möglichst viele Akteure aus der Industrie. Dafür warten wir zunächst die weitere Entwicklung unseres Leuchtturmprojekts in Berlin/Brandenburg ab, mit dem wir schon die ersten großen Partner an Bord haben werden.

Für welche Akteure ist es interessant, Teil dieses digitalen Wasserstoffökosystems zu werden?

Wir denken dabei an die großen Player, die in Deutschland Wasserstoffelektrolyse durchführen, wie Siemens und Thyssenkrupp, aber auch an Chemiekonzerne wie BASF, Energieversorger, Raffinerien, Stahlunternehmen und Logistikdienstleister gepaart mit den jungen Startups der „Wasserstoff-Szene“. Insbesondere sehe ich dabei die Chemieunternehmen als wichtige Partner, weil die Herstellung von Ammoniak und Methanol aus grauem Wasserstoff in dieser Branche erhebliche Emissionen verursacht. Wenn wir es schaffen, diese Produktion mithilfe von grünem Wasserstoff klimaneutral zu gestalten, ist das ein großer Schritt.

Was erhofft ihr euch dabei von der Zusammenarbeit mit dem 5-HT Digital Hub?

Wir versprechen uns davon, im Ökosystem von 5-HT Aufmerksamkeit für das Thema Wasserstoff zu wecken und mit Netzwerkpartnern in Kontakt zu kommen, die interessiert daran sind, mithilfe von Wasserstoff auf das Ziel der Klimaneutralität hinzuarbeiten. Wir freuen uns auch über einen Aufruf an die Netzwerkpartner, sich bei Interesse an unseren Initiativen zu beteiligen.

Wie kam es zur Gründung von Sustainable Hydrogen?

Zunächst habe ich als Physiker für die Max-Planck-Gesellschaft gearbeitet, bevor ich in die Unternehmensberatung gewechselt bin und 23 Jahre lang die Umsetzung großer Restrukturierungsprojekte in der Finanzdienstleistungsbranche begleitet habe. Mit über 50 Jahren kam ich an einen Punkt, an dem ich mich gefragt habe: Was ist mir eigentlich wichtig im Leben? Beim Nachdenken über diese Frage bin ich immer wieder auf meine europäische Prägung zurückgekommen. Weil die größte Herausforderung der EU aus meiner Sicht die Energiewende ist, habe ich mich gefragt, wie ich dabei helfen kann, diese Aufgabe zu bewältigen. Dabei bin ich schnell zu der Überzeugung gelangt, dass wir mithilfe von Wasserstoff als Energieträger für erneuerbaren Strom die fossile Gesellschaft als Ganzes ablösen müssen. Diese Idee entstand Anfang 2019. Ab dem Zeitpunkt habe ich begonnen, meine Netzwerke aufzubauen, bis Anfang 2020 schließlich die Gründung stattfand.

Im Juni hat die Bundesregierung die Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet, mit der sie die Nutzung von grünem Wasserstoff in Deutschland etablieren will. Was sind aus eurer Sicht die größten Herausforderungen, die der Umsetzung dieser Strategie im Weg stehen?

Das Problem ist, dass die Politik zwar erkannt hat, wie wichtig Wasserstoff für die Energiewende ist, aber dass klare quantitative Ziele fehlen. Die Industrie erwartet gesetzlich festgeschriebene Entscheidungen, die ihnen eine gewisse Sicherheit geben, dass die Nachfrage nach Wasserstoff da sein wird und dass sich Investitionen in dem Bereich somit lohnen. Aktuell, mit Corona, sehe ich allerdings gute Chancen, dass sich bald noch mehr bewegen wird. Denn wenn wir die Wirtschaft wieder hochfahren, wollen wir das nicht mit fossilen Energieträgern, sondern auf nachhaltige Weise tun, und dabei wird Wasserstoff eine große Rolle spielen.


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