100% circular plastics – Die Vision eines Startups

Von Fotos kennen wir sie alle: Inseln aus Plastik und Müll, die sich in unseren Weltmeeren ansammeln. Tiefes Blau getrübt von schmutzigen Braun- und Grautönen, die sich auf der Wasseroberfläche erstrecken. Für Christian Schiller allerdings wurde aus Fotos spürbare Realität, als er unfreiwillig auf einem Segeltörn zwischen Kolumbien und Panama auf Tuchfühlung mit den Müllteppichen im Ozean ging. Der Auslöser für ihn, sich mit den Mitteln des Entrepreneurships der Lösung dieses Problems zu widmen – und nebenbei die Kunststoffbranche zu digitalisieren.

Aus der anfänglichen Idee wurde bald Wirklichkeit: Mit dem Startup cirplus hat Christian nun einen globalen Marktplatz für zirkuläre Kunststoffe geschaffen. Ziel ist es, Angebot und Nachfrage für recycelten Kunststoff auf einer Plattform zusammenzuführen und damit zukünftig die Kunststoffe besser im Kreislauf zirkulieren zu lassen. Wie das funktionieren soll und welche Vorteile die Plattform Unternehmen bietet, verrät Christian im Interview mit 5-HT.

Christian Schiller, Gründer & CEO bei cirplus

Der Wendepunkt

„Es ist eine schaurig-schöne Geschichte, die mich auf die Idee zu cirplus gebracht hat“, erinnert sich Gründer Christian Schiller. „Nachdem ich als erster Angestellter von BlaBlaCar den deutschen Standort für die heute weltweit größte Mitfahrplattform aufgebaut hatte – vom Launch bis zur Monetarisierung – kam nach über vier Jahren der Moment, an dem ich mir einen Lebenstraum erfüllen wollte: Eine Weltreise. Im Juli 2017 ging es los, nach 6 Monaten in Südamerika setzte ich dann per Segelboot von Kolumbien nach Panama über.

Am zweiten Tag auf hoher See hatten wir Flaute und ich ließ meine Beine ins Wasser hängen. Es war traumhaft. Dann traf mich etwas im Bein und ich dachte als Erstes an einen Hai oder Ähnliches. Stattdessen war es ein Stück Plastik, Vorbote eines großen Müllteppich aus Plastik und Algen, den wir passieren mussten. Theoretisch weiß heute fast jeder, dass die zunehmende Plastikverschmutzung in der Umwelt ein Problem darstellt, doch mich hat diese unmittelbare Erfahrung sehr betroffen gemacht. Das Ausmaß der Krise habe ich zum ersten Mal am eigenen Körper erfahren.“

Von der ersten Idee …

Neben Betroffenheit löste das Erlebnis in Christian die Suche nach den Ursachen aus. Christian wollte nicht einfach nur ein Startup gründen, das „Clean-ups“ am Strand oder im Meer organisiert. Nicht nur die Symptome, sondern das eigentliche Problem sollte gelöst werden. Durch erste Arbeitserfahrungen im texanischen Houston in der US-amerikanischen Erdölindustrie wusste er, welch technologischer und finanzieller Höchstleistungen es bedarf, um Öl zu fördern und daraus unter anderem Plastik herzustellen. Da drängte sich ihm die Frage auf: „Wie kann es sein, dass der wertvolle Kunststoff dann als Müll im Meer landet?“

Einer der wesentlichen Gründe: Sogenanntes „Virgin Plastic“, also neu hergestellter Kunststoff, ist für Unternehmen immer noch günstiger, als Altkunststoff einzusetzen. Klingt paradox, ist aber so: Durch die bereits lang etablierten Supply Chains in der petrochemischen Industrie ist es verhältnismäßig günstiger, Neuware herzustellen, als sogenannte Kunststoff-Rezyklate im mechanischen oder chemischen Recycling einzusetzen. Das Ziel für Christian war also klar: „Wir müssen die Transaktionskosten für recycelte Kunststoffe senken, um somit den Unternehmen einen soliden Business Case für den Umstieg von Neuware auf Altware zu bieten, wo immer möglich.

… über die Suche nach dem Mitgründer …

Dazu aber einen Schritt zurück: Als Christian im Juli 2018 von seiner Weltreise nach Deutschland zurückkehrte, nahm er an dem Unternehmensgründungsprogramm ‚Entrepreneur First‘ teil. „Das muss man sich wie ein Speed-Dating für Gründer vorstellen“, erzählt Christian. „Man bewirbt sich als Einzelperson mit oder ohne Idee und findet dann den komplementären Gründer oder die komplementäre Gründerin dazu. Startups sind besonders erfolgreich, wenn das Gründerteam sich möglichst stark ergänzt“, verrät Christian.

Auf diesem Weg lernte er Volkan Bilici kennen, der schon über zwanzig Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung hat, darunter auch für globale Marktplattformen und Blockchainanwendungen. Christian selbst hat ursprünglich mal Internationale Wirtschaft, Politik und Völkerrecht studiert und brachte die Erfahrung von BlaBlaCar mit. Der Grundstein für cirplus war gelegt.

CIRPLUS, STARTUP, VOLKAN BILICI, CHRISTIAN SCHILLER, 16.10.2019, DUESSELDORF

Bei ‚Entrepreneur First‘ mussten die beiden einmal wöchentlich ihre Ideen vor Publikum pitchen. Außerdem traten sie schon damals mit zahlreichen Playern aus der Branche in Kontakt: „Das war richtig gut, denn ‚Entrepreneur First‘ hat uns dazu gezwungen, von Anfang an mit unserer Idee nach draußen zu gehen und einen Realitätscheck zu machen.“

… und dem Verfeinern der Geschäftsidee …

Schon nach seiner Weltreise war Christian klar, dass sein zukünftiges Unternehmen mit Kunststoffabfällen zu tun haben sollte. In seiner Zeit bei ‚Entrepreneur First‘ konnte er sich ausführlicher mit dem Thema befassen – und mit den strukturellen Gründen, wegen denen Kunststoff nur schlecht im Kreislauf geführt wird.

„Daraus entstand dann die Geschäftsidee: Wenn du strukturell etwas an der Plastikkrise ändern willst, dann musst du die ökonomischen Rahmenbedingungen verändern, nach denen Virgin Plastic bisher günstiger ist als gebrauchter Kunststoff“, erklärt Christian, „Denn die Infrastruktur für die Herstellung von Virgin Plastic gibt es schon. Deshalb kostet die Tonne Neu-Kunststoff im Verhältnis zur Altware oftmals weniger – zumindest wenn es um höherwertige Kunststoffanwendung geht.“

Zu diesen Preis- und Qualitätsunterschieden tritt noch ein dritter Befund: der vergleichsweise geringe Grad an Digitalisierung in der Kunststoff- und Recyclingindustrie. Oftmals kommt veraltete Technologie zum Einsatz. „Bisher war es undenkbar, den Einkauf von Kunststoffen digital abzuwickeln. Das läuft nicht selten noch über das Telefon, Internet Explorer und das Faxgerät“, erzählt Christian. Mit dem zunehmenden öffentlichen Druck und Regularien kommt aber viel Wind in beide Branchen. Und in diesem Umbruchszenario setzt cirplus an: „Wir aggregieren die weltweite Nachfrage und das Angebot an Kunststoffabfällen und Rezyklaten. Das ist nicht nur praktisch und kosteneffizient für alle Beteiligten, sondern sendet auch die richtigen Signale für Investitionen in die Zukunftsbranche Recycling. Nur mit hochwertiger Recyclingtechnologie gelingt das Schließen des Kunststoffkreislaufes.

… bis zur Gründung des eigenen Startups

Im Dezember 2018 wagten sich Christian und Volkan schließlich an die Gründung ihres Startups cirplus. Das Verpackungsgesetz, das zum 01.01.2019 in Deutschland in Kraft trat, warf damals schon einen Schatten voraus. Es zielt darauf ab, dass alle Verpackungen auf dem Markt recyclingfähig sind und der Anteil an recycelten Kunststoffen in der Verpackung steigen muss. Dazu wird eine Art Bonussystem für Unternehmen eingeführt, die ihre Verpackungen recyclingfähig machen und Rezyklate einsetzen.

Mit diesem regulatorischen Rückenwind ging es danach steil bergauf für cirplus. Der erste Prototyp ging im April 2019 an den Start. Mit einem Pilotprogramm und ausgewählten Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette der Kunststoffe stieg das Team dann in die tiefere Entwicklung der Plattform ein. Anfang März 2020 folgte das öffentliche Release der Plattform, die seitdem uneingeschränkt genutzt werden kann. „Ganz wichtig ist uns: Wir haben Allianzen gebildet, sind aber 100% unabhängig. Gerade für einen digitalen Marktplatz ist es wichtig, dass er unabhängig und neutral ist.“ Das bedeute vor allem, dass sich die teilnehmenden Unternehmen sicher sein können, dass die eigenen Transaktionsdaten niemals bei der Konkurrenz landen werden.

Ein Startup digitalisiert die Kunststoff-Branche

„Heute schon hat unsere Plattform eine enorme Resonanz erzeugt – aber natürlich ist noch nicht alles fertig, kann es zu einem so frühen Zeitpunkt und mit den begrenzten Mitteln eines echten Startups auch gar nicht sein. Wir entwickeln daher sukzessiv weitere Funktionalitäten, haben zuletzt erst unser Produktteam deutlich verstärkt trotz Corona“, erläutert Christian. „Als Unternehmen kann man suchen, finden, verhandeln, Fotos hochladen, Datenblätter hochladen, ja, letztlich den ganzen Vertrag über die Plattform schließen, ohne auch nur einmal zum Telefonhörer oder gar zum Faxgerät greifen zu müssen – das geht natürlich aber trotzdem noch, wenn es der Kunde wünscht. Wir zwingen digitalen Wandel niemandem auf, bieten aber einen intuitiven und leicht verständlichen Einstieg. “

Darin klingt die besondere Herausforderung an, vor der Christian mit seinem Startup steht: traditionelle Verhaltensweisen der Kunden in der Kunststoffbranche zu durchbrechen: „Uns begegnen immer wieder Argumente wie: ‚Das ist viel zu komplex, als dass man es digital machen könnte. Oder: Herr Schiller, der Kunststoffhandel, das ist ‚people business’, nicht ‚digital business’. Aber hier bietet die Corona-Krise unserer Auffassung nach auch eine große Chance. Derzeit sollten wir uns alle auf die Bewältigung der gesundheitlichen Auswirkungen der Krise konzentrieren. Im Anschluss daran gehen die Aufräumarbeiten der wirtschaftlichen Verwerfungen los – und hier kann in Zeiten von Social Distancing die Digitalisierung einen extrem wichtigen Beitrag für die Gesundung der Wirtschaft leisten, gerade in Deutschland mit seiner stark mittelständisch geprägten Wirtschaft.

Deshalb sind wir auch bei 5-HT dabei, denn letztlich geht es um Digitalisierung eines sehr analogen Geschäfts. Und per Digitalisierung machen wir die Wirtschaft auch ein ordentliches Stück nachhaltiger.“

Visionen für die Zukunft – eine Welt ohne Kunststoffabfälle in der Umwelt

Hier schließt sich der Kreis zu den Plastikteppichen in der Karibik, die Christian zu seiner ambitionierten Unternehmensvision veranlassten: „Unsere Vision ist: 100% Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe – 100% circular plastics“, erklärt Christian, „Das ist unser großes Ziel. Cirplus fungiert als digitaler Katalysator, der zu einer nachhaltigen Entwicklung im Kunststoffbereich führen soll. Wir ermöglichen es, Kunststoffe mehrfach im Kreis zu führen – denn das Problem ist nicht der Kunststoff an sich, sondern Kunststoff, der in die Umwelt gelangt. Wir wollen weltweit zu der ersten Adresse werden, bei der man alles rund um Beratung und Handel zu zirkulärem Kunststoff findet. Und somit den ‚Plastikhahn’ abstellen, der unsere Weltmeere und die Umwelt Jahr um Jahr stärker verschmutzt.“

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