Wie digitale Biomarker reale Beweise für klinische Studien liefern können

Das französische Startup Ad Scientiam hat einen neuen Weg gefunden, um die Entwicklung chronischer Krankheiten wie Multiple Sklerose zu bewerten: Mit Hilfe einer mobilen Anwendung können Patienten ihren Zustand zu Hause leicht überprüfen. Dies kann nicht nur einzelnen Patienten und Angehörigen der Gesundheitsberufe helfen, ihre Behandlung zu verbessern, sondern gibt auch Pharmaunternehmen die Möglichkeit, die Wirksamkeit neuer Medikamente zu bewerten und ihre klinischen Studien zu verbessern. In diesem Interview mit 5-HT stellt der CEO und Gründer Liouma Tokitsu die Idee von Ad Scientiam vor und spricht über seine Vision, wie digitale Biomarker die Gesundheitssysteme weltweit verändern können.

Ad Scientiam CEO und Gründer Liouma Tokitsu

Was ist das Problem bei der Art und Weise, wie Menschen mit chronischen Krankheiten heute behandelt werden?

Heute werden Daten über die Entwicklung von Symptomen hauptsächlich bei seltenen Konsultationen, aus dem Gedächtnis der Patienten und bei klinischen Tests mit bekannten Grenzen gesammelt. Betrachten wir zum Beispiel die Multiple Sklerose (MS): Normalerweise besucht der Patient seinen Neurologen nur ein- oder zweimal im Jahr. Der Arzt fragt: „Wie haben Sie sich seit unserem letzten Termin gefühlt?“, und der Patient hat fünf Minuten Zeit, um ein Jahr seines Lebens zu erklären. Dies ist sehr stressig und schwierig. Auf der anderen Seite hat der Neurologe nur 10 bis 15 Minuten Zeit, um die Entwicklung eines einzelnen Patienten zu beurteilen. Diese Zeit reicht nicht aus, um Aspekte wie Sehkraft oder Geschicklichkeit zu beurteilen. Selbst für die Prüfung der Gehfähigkeit, dem wichtigsten Aspekt bei MS, würde er eine halbe Stunde benötigen.

Was ist die Lösung von Ad Scientiam?

Wir entwickeln digitale Biomarker für verschiedene chronische Krankheiten, die zu einem besseren Wissen über die Krankheit und die Wirksamkeit der jeweiligen Medizin beitragen. Digitale Biomarker basieren nicht auf der Biologie, sondern auf digitaler Technologie. Wenn man sich eine Krankheit wie MS ansieht, gibt es keine Biomarker, wie man sie bei der Analyse von Diabetes im Blut finden kann. Die einzige Möglichkeit, den Zustand des Patienten zu verstehen, ist eine Untersuchung durch einen Neurologen, bei der die Gehfähigkeit, die Geschicklichkeit, das Sehvermögen und die Kognition bewertet werden. Mit unserer Lösung haben wir diesen Prozess digitalisiert, so dass der Patient die Untersuchung zu Hause ohne seinen Arzt durchführen kann, einfach mit seinem Smartphone.

Wie ist es möglich, den Zustand eines Patienten allein mit dem Smartphone umfassend zu beurteilen?

Für Multiple Sklerose haben wir die App MSCopilot entwickelt, die klinisch validierte Software verwendet. Um seine Gehfähigkeit zu testen, steckt der Patient einfach sein Smartphone in die Tasche und geht – eingebaute Sensoren messen Abstand und Geschwindigkeit. Will der Patient seine Geschicklichkeit testen, muss er einen Ball auf dem Display seines Smartphones entlang einer immer komplexer werdenden Linie bewegen. Übungen wie diese ermöglichen es dem Patienten, seinen Zustand zu Hause vollständig zu beurteilen. Basierend auf den Ergebnissen der Übungen setzen wir einen Machine Learning Ansatz ein, um einen Score zu ermitteln, der die Entwicklung der Krankheit anzeigt.

Wie können nicht nur einzelne Patienten und Ärzte, sondern auch Pharmaunternehmen von Lösungen wie MSCopilot profitieren?

Die von unseren Anwendungen gesammelten Daten können sehr wichtige Beweise für Pharmaunternehmen liefern, die neue Medikamente gegen MS entwickeln. In ihren klinischen Studien der Phase II und III können Pharmaunternehmen MSCopilot zur Analyse der Wirksamkeit des neuen Medikaments verwenden. Wir sind gerade eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Biotech-Unternehmen Biogen eingegangen, um innovative digitale Lösungen für die klinische Forschung in den Neurowissenschaften zu entwickeln, aber wir arbeiten auch mit kleineren Unternehmen zusammen, die Medikamente gegen MS entwickeln. Da wir über ein eigenes medizinisches Team verfügen, sind wir in der Lage, klinische Studien durchzuführen, die den medizinischen Standards entsprechen. Einzelne Patienten, die unseren Service kostenlos nutzen können, können sich auch dafür entscheiden, ihre Daten – in anonymisierter oder pseudonymisierter Form – an Forschungsprojekte oder Pharmaunternehmen weiterzugeben. Auf diese Weise können sie zur Forschung und zur Entwicklung neuer Medikamente beitragen, die letztendlich für die Behandlung ihrer eigenen Krankheit nützlich sein werden.

Was ist die Geschichte hinter der Gründung von Ad Scientiam und der Entwicklung von MSCopilot?

Ad Scientiam wurde 2013 gegründet. Zu dieser Zeit veränderte das Smartphone verschiedene Teile der Gesellschaft, aber noch nicht das Gesundheitssystem. Ich habe einen Hintergrund in der Softwareentwicklung, und meine Idee war es, diese neuen Technologien zu nutzen und sie für die Verbesserung des Gesundheitssystems einzusetzen. Also ging ich zum Hôpitaux Universitaires Pitié Salpêtrière, einem großen Krankenhaus in Paris, und stellte meine Idee verschiedenen Ärzten und Forschern vor. Sie gaben mir die Möglichkeit, mein Unternehmen mit Büros sowohl im Krankenhaus als auch in einem nur wenige Minuten entfernten Gründerzentrum zu gründen. Dies bedeutet, dass Ad Scientiam sowohl in einem klinischen Ökosystem als auch in einem Ökosystem von technischen Startups angesiedelt ist. Dies ist eine großartige Umgebung für die Entwicklung unserer medizinischen Anwendungen. MSCopilot wurde mit der Unterstützung eines wissenschaftlichen Beirats und der wichtigsten Patientenvereinigung Frankreichs ins Leben gerufen. Um unser Produkt zu validieren, haben wir in elf Krankenhäusern klinische Studien mit 220 Probanden durchgeführt. Jeden Tag arbeiten wir mit Patienten und Fachleuten des Gesundheitswesens zusammen, um ihre Probleme und Bedürfnisse zu verstehen.

Ad Scientiam Team

Welche anderen Krankheiten außer MS behandeln Sie oder planen Sie in Zukunft zu behandeln?

Unser erstes Aktionsfeld sind andere neurologische Krankheiten, die die motorischen Fähigkeiten beeinträchtigen, wie Parkinson, das der MS sehr ähnlich ist. Ein weiteres Projekt befasst sich mit Depressionen: Durch die Analyse der Stimme versuchen wir vorherzusagen, wie ein Patient auf eine bestimmte Behandlung reagiert. Im Moment muss man wochenlang warten, um zu sehen, ob ein neues Medikament bei einem Patienten wirkt – wir wollen diesen Zeitraum auf eine Woche verkürzen. Außerdem haben wir auch Programme für Rheumatologie und Kardiologie. Das erste, was wir tun, wenn wir uns mit einer neuen Krankheit befassen, ist, alles zu vergessen, was wir zu wissen glaubten – wir beginnen wieder von einer weißen Seite aus, immer in einem Co-Kreationsprozess mit Patienten und Fachleuten des Gesundheitswesens.

Was sind Ihre nächsten Schritte bezüglich MSCopilot?

Derzeit arbeiten wir daran, unsere Pilotversion zu verbessern und ihren Wert für das Gesundheitssystem zu demonstrieren. Im Jahr 2021 werden wir mit einer klinischen Längsschnittstudie beginnen, um den medizinischen Nachweis zu erbringen. Außerdem suchen wir Krankenhäuser und Patientenverbände in Deutschland, die an einer Zusammenarbeit mit uns für die Weiterentwicklung von MSCopilot interessiert sind.

Was ist Eure Vision für die Zukunft von Ad Scientiam und des Gesundheitssystems?

Unser Ziel ist es, MSCopilot zum neuen Standard für die Beurteilung des Zustands von Patienten mit Multipler Sklerose zu machen. Unser übergeordnetes Ziel ist es, dass digitale Biomarker von den Arzneimittelbehörden weithin anerkannt werden. Ich denke, in zehn Jahren wird es sehr grundlegend sein, über digitale Biomarker und die Digitalisierung der Gesundheitssysteme im Allgemeinen zu sprechen. Mit Ad Scientiam wollen wir diese Bewegung beschleunigen und auf diesem Gebiet führend werden.

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