Was unsere Haut uns über unseren Körper sagt

Die menschliche Haut ist mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Das israelische Startup MYOR hat eine Methode entwickelt, um die Haut zu analysieren und diese Daten mit künstlicher Intelligenz zu kombinieren, so dass das individuelle Risiko, bestimmte Krankheiten zu entwickeln, vorhergesagt werden kann. CEO Idan Katz stellt das Geschäftsmodell von MYOR vor und gibt Einblicke in die aktuellen Entwicklungen des Gesundheitsmarktes: Warum wird es immer beliebter, sich auf Prävention statt auf Behandlung zu konzentrieren? Wie kann KI helfen, bessere diagnostische Ergebnisse zu erzielen? Und wie können Apotheken und Händler mit dem stetig wachsenden E-Commerce konkurrieren?

MYOR Team

Die Idee von MYOR ist es, etwas über das Innere unseres Körpers „von außen nach innen“ zu lernen, indem wir die menschliche Haut untersuchen. Was kann uns unsere Haut über unseren Körper sagen?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Haut nicht nur die Hülle unseres Körpers ist – sie ist unser größtes Organ. Die Haut verändert sich ständig, sie ist mit allem in unserem Körper verbunden, sie ist unsere Schnittstelle zur Außenwelt. Alle Gesundheitsprobleme können in unserer Haut gesehen werden – nicht nur durch die Betrachtung unserer Haut, sondern durch die Messung spezifischer, wissenschaftlich nachgewiesener Biomarker. Diese können von biophysikalischen und optischen Biomarkern über Stoffwechselprodukte bis hin zum Mikrobiom, den vielfältigen Mikroorganismen, die auf unserer Haut leben, reichen. Wir glauben, dass die Haut die ideale Plattform ist, um mehr über unsere Gesundheit zu erfahren: Die Analyse ist nicht-invasiv und schmerzfrei, und unsere Methoden ermöglichen es, sofortige Ergebnisse zu erhalten.

Welche spezifischen Gesundheitsprobleme lösen Sie durch die Analyse der menschlichen Haut?

Unser Fokus liegt auf der Prävention: So können wir zum Beispiel das Risiko von Säuglingen, eine Nahrungsmittelallergie oder eine atopische Dermatitis zu entwickeln, vorhersagen. Es hat sich gezeigt, dass der Parameter des transepidermalen Wasserverlustes (TEWL) – wie viel Wasser man durch die Haut verliert – mit diesen allergischen Zuständen zusammenhängt. Neben der Analyse der Haut beziehen wir individuelle Daten über den Säugling und seine Umgebung mit ein. Durch den Einsatz von KI-Methoden können wir das Risiko des Säuglings abschätzen, in Zukunft eine Nahrungsmittelallergie oder atopische Dermatitis zu entwickeln. Dies ist ein einzigartiger Ansatz, denn bisher gibt es keine qualitativen wissenschaftlichen Instrumente zur Vorhersage und Prävention dieser allergischen Erkrankungen.

Wie kombinieren Sie Hautüberwachung mit künstlicher Intelligenz?

Wir analysieren nicht nur die Haut, wir bitten unsere Kunden auch, einen Fragebogen zu verschiedenen Parametern auszufüllen. Auf der Grundlage einer Vielzahl von klinischen Studien haben wir 25 relevante Parameter identifiziert, die die Familiengeschichte, das Baby selbst oder das Lebensumfeld betreffen. Einige davon sind Risikofaktoren, andere sind Schutzfaktoren. Zum Beispiel ist ein Hund im Haus ein Schutzfaktor, wenn es um das Risiko geht, allergische Erkrankungen zu entwickeln, da ein Hund neue Mikrobiome in die Umgebung bringt und mehr Interaktionen zwischen den Mikrobiomen der Familie verursacht. Wir haben auch analysiert, inwieweit jeder Parameter zum Risiko beiträgt. Auf dieser Grundlage haben wir einen Algorithmus zur Vorhersage des Risikos der Entwicklung spezifischer allergischer Erkrankungen entwickelt.

Warum ist es so wichtig, diese Bedingungen vorherzusehen, bevor sie sich entwickeln?

Derzeit findet in den Gesundheitssystemen weltweit eine Verlagerung von der Behandlung zur Prävention statt. In vielen Ländern sind die Gesundheitssysteme nicht gut gerüstet, um die wachsende und alternde Bevölkerung zu versorgen. Wie das Sprichwort sagt: „Eine Unze Prävention ist ein Pfund Heilung wert“ – man muss viel mehr in die Behandlung einer Krankheit investieren als in ihre Prävention. Heute wächst das Bewusstsein der Menschen für die Bedeutung der Gesundheit. Sie sind zunehmend an individuellen Lösungen interessiert, die ihnen helfen, gesund zu bleiben. Um dies zu ermöglichen, müssen wir neue Lösungen finden.

Wie helfen Sie, Gesundheitszustände nicht nur zu diagnostizieren, sondern auch zu verhindern?

Wir bieten nicht nur Diagnostik, sondern auch Lösungen zur Vorbeugung an. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass ein Baby ein hohes Risiko für Nahrungsmittelallergien hat, können wir das verhindern, indem wir einen medizinischen Snack mit einer niedrigen Dosis von Allergenen verabreichen. Wenn wir feststellen, dass ein Baby Eisenmangel hat – was wir auch durch eine Hautanalyse testen können -, können wir die richtige Ergänzung zur Erhöhung des Eisenspiegels geben.

Wie funktioniert Ihr System für Ihre Kunden?

Wir beginnen, ein einzigartiges Geschäftsmodell zu implementieren. Unsere Überwachungs- und Diagnoselösungen können an verschiedenen Health Access Points durchgeführt werden – in Krankenhäusern, Einzelhandelsapotheken oder anderen zugänglichen Bereichen. Dies ist eine Win-Win-Situation: Apotheken und Einzelhändler verlieren immer mehr Verkehr an den E-Commerce. Deshalb suchen sie nach neuen Wegen, um ihren Kunden einen Mehrwert zu bieten. Unsere Lösung besteht darin, personalisierte, hoch attraktive Produkte zur Prävention anzubieten. Seit einigen Jahren werden medizinische Dienstleistungen im Einzelhandel angeboten, doch bisher waren die Angebote sehr einfach, Blutdruck- oder Gewichtsmessungen, und boten keine Lösungen an. Unsere Idee ist, dass Sie in die Apotheke gehen können, sich kostenlos untersuchen lassen, sofort Ihre Ergebnisse erhalten und bei der Feststellung eines bestimmten Risikos oder Mangels sofort das geeignete Produkt zur Prävention angeboten wird. Unsere Geräte und unsere Software sind kostenfrei. Wir erzielen nur mit den von uns empfohlenen Produkten Umsätze. Da es weltweit eine hohe Prävalenz von Eisenmangel, atopischer Dermatitis und Nahrungsmittelallergien gibt, ist dieser Umsatz hoch genug für ein profitables Geschäft.

Wie haben Sie die Idee zu MYOR entwickelt?

MYOR wurde von Prof. Roni Kohn, der ehemaligen Leiterin der School of Pharmacy der Hebräischen Universität Jerusalem und Expertin für die Biochemie der menschlichen Haut, Dr. Ariel Katz, einem erfolgreichen Serienunternehmer, und Michael Brandwein, einem Experten auf dem Gebiet des Hautmikrobioms, gegründet. Sie entwickelten die Idee für MYOR, indem sie mit Einzelhändlern auf dem gesamten Markt sprachen und sich über die Notwendigkeit von präventiven Lösungen informierten. Sie hatten sich bereits seit vielen Jahren auf akademischer Ebene mit dem Thema Biomarker beschäftigt und konnten diese Idee in ein Geschäftsmodell umsetzen. Mein Hintergrund liegt in der Datenanalyse. Bevor ich zu MYOR kam, leitete ich ein Datenanalyse-Team im Bereich der Mineralexploration. Das klingt vielleicht ganz anders als im Gesundheitswesen, aber letztlich geht es in beiden Fällen darum, Daten zu analysieren und neue Einsatzmöglichkeiten für bestehende Technologien zu finden.

Woran arbeitet MYOR derzeit?

Es ist sehr wichtig für uns, dass wir bald in den Markt eintreten. Natürlich könnten wir fünf Jahre lang im Büro sitzen und über unser Konzept reden, aber als Startup müssen wir in den Markt gehen und sehen, welche Anpassungen wir vornehmen müssen. Deshalb planen wir den Start des Verkaufs im Jahr 2020, beginnend mit der atopischen Dermatitis, gefolgt von Lebensmittelallergien – zuerst Erdnüsse, dann Laktose, dann andere Lebensmittel. Außerdem entwickeln wir aktiv neue Produkte. Derzeit erforschen wir Biomarker, die auf Depressionen hinweisen: Es ist bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und bestimmten Hauterkrankungen gibt. Für unseren Markteintritt haben wir bereits Kooperationen mit starken Apothekenketten in Thailand und Mexiko sowie einem Partner in Israel begonnen. Als nächstes wollen wir die USA und Europa ins Visier nehmen. Um unsere Vision Wirklichkeit werden zu lassen, suchen wir strategische Partner in neuen Märkten mit positiven Anreizen.

Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus?

Unser Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung von der Behandlung zur Prävention für alle zu transformieren. Schon heute können Kunden personalisierte Empfehlungen für viele verschiedene Arten von Produkten erhalten. Anhand der Daten können Unternehmen vorhersagen, welche Filme oder Bücher uns gefallen werden. Mit MYOR wollen wir ein System etablieren, das den Menschen auf ähnlich personalisierte Weise sagt, was ihr Körper braucht, um gesund zu sein, und wir glauben, dass die Analyse der Haut dafür der ideale Ausgangspunkt ist.

Sie haben gerade am 5-HT X-linker-Startup-Programm teilgenommen und sind Teil des 5-HT-Netzwerks. Was haben Sie aus dem Programm mitgenommen und was erwarten Sie von Ihrer Teilnahme an unserem Netzwerk?

CEO Idan Katz beim 5-HT X-linker Finale

Das Programm hat uns ein tieferes Verständnis dafür verschafft, wie eine Zusammenarbeit zwischen einem Startup und einem Unternehmen von der Seite des Unternehmens aussieht. Dies hilft uns natürlich, unsere Botschaft zu schärfen.

Wir hatten auch die Möglichkeit, den europäischen Markt zu erkunden, Herausforderungen und Chancen, was für uns wirklich eine Starthilfe für diesen Markt war.

Darüber hinaus hoffen wir, dass wir als Teil des 5-HT-Netzwerks einen ersten Zugang zu den relevanten Unternehmen und Investoren erhalten.

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