Wie ein persönlicher digitaler Coach chronisch kranke Menschen im Alltag unterstützen kann

Ein Arzt kann nicht jeden Tag für alle seine Patienten da sein. Das versteht sich von selbst, doch für chronisch kranke Menschen bedeutet das häufig, dass sie keine kontinuierliche Unterstützung im Alltag bekommen. In solchen Fällen hilft der digitale Coach von Pathmate Technologies, einem Startup mit Büros in Zürich und im Mannheimer Gründungszentrum MAFINEX. Im Interview mit 5-HT erklärt Co-Gründer und CEO Dirk Volland, wie der digitale Coach von Pathmate chronisch kranke Menschen im Alltag individuell unterstützt und wie Krankenversicherungen dadurch zum aktiven Gesundheitsförderer werden können.

Warum reicht die klassische Behandlung durch den Arzt für chronisch kranke Patienten nicht aus?

Patienten mit chronischen Krankheiten erhalten in unserem Gesundheitssystem zwar hochprofessionelle Unterstützung, aber diese Unterstützung ist zeitlich begrenzt und teuer. Beim Management der Krankheit im Alltag und bei der Umsetzung von notwendigen Verhaltensänderungen kann der Arzt nicht unterstützen. Wir wollen den Arzt mit unserem digitalen Coach keineswegs ersetzen, sondern ergänzen und da Unterstützung bieten, wo es heute oft keine gibt. Die Frage hinter einem digitalem Coach ist: Was würde ein Arzt tun, wenn er mich jeden Tag basierend auf meinem individuellen Alltag unterstützen könnte, als sympathischer, persönlicher Begleiter?

Weshalb ist ein digitaler Coach gerade bei chronischen Krankheiten sinnvoll – und welche speziellen Krankheiten hat Pathmate dabei im Blick?

Aktuell richtet sich unser digitaler Coach an Patienten mit Bluthochdruck. Wir haben aber vor, in Zukunft auch andere chronische Krankheiten wie zum Beispiel Typ-2-Diabetes zu integrieren. Bei chronischen Krankheiten wie diesen ist die sogenannte Therapieadhärenz, also wie gut halten sich Patienten an die anerkannten medizinischen Empfehlungen zu ihrer Krankheit, besonders wichtig. So sollte ich zum Beispiel wissen, wie eine korrekte Blutdruckmessung funktioniert, was ich bei der Ernährung und Bewegung im Alltag beachten sollte und wie stark der Lebensstil meine Krankheit und damit Lebensqualität beeinflussen kann. Allein die Information hilft jedoch meistens wenig. Betroffene brauchen individuelle Motivation, Feedback und aktive Unterstützung.

Wie hilft euer digitaler Coach den Nutzern dabei, Empfehlungen wie diese in ihren Alltag zu integrieren?

Das Kernelement der Smartphone-Applikation ist ein vollautomatisierter Chatbot, der mich informiert, motiviert und versucht, so persönlich wie möglich zu coachen. In den über den Chat geführten Gesprächen erhält der Nutzer unter anderem Informationen, zum Beispiel zum Thema Ernährung oder Bewegung, und kann sich tägliche Ziele setzen. Zusätzlich hat der digitale Coach Zugriff auf unterschiedliche krankheitsbezogene Tools. Hier wird beispielsweise das sogenannte Herzalter berechnet, gemessen, wie viel sich der Nutzer im Alltag bewegt, oder der Nutzer wird angeleitet, für eine Woche ein digitales Blutdrucktagebuch zu führen. Auf der Grundlage dieser Daten kann der digitale Coach gezieltere Gesundheitstipps geben. Bis Ende des Jahres soll der Coach als Medizinprodukt angemeldet sein, sodass wir dann noch konkretere Empfehlungen geben können.

Wie schafft ihr es, dass eure Kunden eure App regelmäßig nutzen und die Empfehlungen auch tatsächlich befolgen?

Mittlerweile gibt es auf dem Markt viele Apps für viele verschiedene Krankheitsbilder. Die meisten werden allerdings nur wenige Tage genutzt und danach nicht mehr, was gerade bei chronischen Krankheiten ein Problem ist. Durch ein proaktives und individuelles Coaching, das sich dem Alltag und den Gewohnheiten der Nutzer anpasst, wollen wir es schaffen, dass eine breite Zielgruppe die App langfristig nutzt. Wir wollen, dass unsere Nutzer eine Beziehung zu ihrem digitalen Coach aufbauen können, ähnlich wie zu einem echten Personal Coach. Dazu gehört auch, dass der digitale Coach sich kontinuierlich auf Basis der Daten weiterentwickelt. Wenn er sich am hundertsten Tag genauso verhält wie am ersten Tag, denkt man als Nutzer: „Warum erzählt er mir schon wieder dasselbe?“ Am Anfang erhält der Kunde noch viele grundlegende Informationen, zum Beispiel dazu, wie man den Blutdruck richtig misst oder wie eine gesunde Ernährung aussieht. Außerdem wird er regelmäßig an die Einnahme seiner Medikamente erinnert. Nach einer Weile kennt er sich dann aber gut genug aus und kann das alleine. Die Herausforderung für den Coach ist es, zu erkennen, welche Art der Interaktion in welcher Häufigkeit der Kunde zum aktuellen Zeitpunkt haben möchte. In einem fortgeschrittenen Stadium meldet er sich dann nur noch seltener zu Wort, zum Beispiel wenn er erkennt, dass der Nutzer sich in letzter Zeit weniger bewegt hat als sonst, um ihn wieder in die richtige Richtung zu lenken.

Wie stellt sich euer digitaler Coach dabei auf die individuell unterschiedlichen Bedürfnisse der Nutzer ein?

Keine zwei Nutzer bekommen das gleiche Coaching, weil das Verhalten des Coaches abhängig von den gemessenen Daten und den Nutzereingaben ist. Wenn wir allgemeine Informationen über Ernährung oder Bewegung geben, versuchen wir auch, die Kunden bei ihren jeweiligen Informationsniveaus abholen, sodass wir ihnen nur das erzählen, was für sie tatsächlich relevant ist. In Zukunft wollen wir auch versuchen, anhand der Aktivitätszeiten den Alltag unserer Kunden besser zu verstehen. Bestimmte Interaktionen machen nur Sinn, wenn der Nutzer zu Hause ist – wenn ich auf dem Weg zur Arbeit bin, kann ich keinen Blutdruck messen, und wenn ich in einem Meeting sitze, will ich keine Notifications zugeschickt bekommen. Pathmate ist also kein Standardprogramm, sondern ist auf möglichst viele individuelle Situationen personalisiert.

Was unterscheidet Pathmate von anderen Gesundheitsapps auf dem Markt?

Viele existierende Gesundheitsapps erfordern eine hohe Eigeninitiative und sind geeignet für Personen, die sehr proaktiv und diszipliniert an die Behandlung ihrer Krankheit herangehen. Das sind allerdings die Menschen, die ihre Krankheit ohnehin bereits besser im Griff haben als andere. Unsere App richtet sich hingegen an die vielen anderen, die mehr Unterstützung und Führung benötigen. Das macht die App zum Beispiel auch für ältere Menschen nutzbar. Unser Coach führt die Kunden sehr engmaschig durch das Programm, ähnlich wie bei einem Arztgespräch. Der Coach fragt etwas, der Nutzer antwortet, der Coach gibt eine Empfehlung – das sind sehr einfache Interaktionen, für die keine besondere Vorbereitung nötig ist.

Wie kam es zur Gründung von Pathmate Technologies?

Unser Startup wurde 2017 aus der ETH Zürich und der Universität St. Gallen heraus gegründet. Neben mir waren Andreas Filler und Michelle Heppler die operativen Gründer. Andreas und ich haben am Center for Digital Health Interventions in verschiedenen Projekten zu digitalen Gesundheitsinterventionen geforscht, Michelle kam von einem anderen Startup dazu. Unser Ziel war es, die technologische Grundlage für personalisiertes, aber gleichzeitig skalierbares Gesundheitscoaching zu schaffen. Im Grunde läuft Coaching immer ähnlich ab. Dies bezieht sich auf die verhaltenspsychologischen Methoden und die Art der Interaktion zwischen digitalem Coach und Nutzer, aber auch auf die Inhalte, da viele chronische Krankheiten von den gleichen Risikofaktoren abhängen, zum Beispiel unausgewogene Ernährung, Stress, zu wenig Bewegung und Übergewicht. So kamen wir auf die Idee, eine Multi-Coach-Solution anzubieten: eine einzige Lösung, mit der mehrere chronische Krankheiten behandelt werden können. Diese ermöglicht Krankenversicherungen, die die Lösung an ihre Kunden vertreiben, ein skalierbares Chronic Care Management.

Wie funktioniert eure Zusammenarbeit mit Krankenkassen?

Wir vertreiben unser Produkt an Krankenkassen, die den digitalen Coach als Co-Branding-Produkt ihren Kunden zugänglich machen. In der Schweiz vertreibt zum Beispiel die Sanitas Krankenversicherung unsere Lösung als „Sanitas Coach App.“ Unser nächstes Ziel ist es, eine Krankenkasse in Deutschland zu finden, die mit uns eine nachhaltige und langfristige Partnerschaft aufbauen will. Ziel ist es, eine Positionierung als aktiver Gesundheitsförderer zu ermöglichen. Dies kann man nur, wenn man Personen aktiv in relevanten Situationen begleitet und Hilfestellung bietet.

Welche Vorteile haben Krankenkassen davon, euren digitalen Coach einzusetzen?

Aktuell findet ein Wandel innerhalb der Krankenversicherungen statt: Sie betrachten ihre Kunden nicht primär als Beitragszahler, sondern wollen aktiv ihre Gesundheit fördern. Mit Pathmate lässt sich die gesundheitliche Situation chronisch kranker Kunden nachhaltig verbessern, was letztlich langfristig Kostensenkungen zur Folge hat. Außerdem können Krankenkassen ihren Kunden mit unserem digitalen Coach einen attraktiven Service bieten und damit die Kundenloyalität erhöhen. Wir stellen darüber hinaus aggregierte, nicht personenbezogene Statistiken und Kennzahlen zur Verfügung, die den Krankenkassen einen Überblick über das Komplettrisikoprofil ihrer Kunden geben können. Die App enthält außerdem auch einen Servicekanal, über den die Krankenkassen ihren Kunden auf personalisierte Weise für ihre chronische Krankheit direkt relevante Produkte und Dienstleistungen anbieten können.

Welche weiteren chronischen Krankheiten neben Bluthochdruck sollen als Nächstes in euren digitalen Coach integriert werden? Bis Mai 2020 wollen wir auch Typ-2-Diabetes und Schlafstörungen integrieren. Danach haben wir vor, weitere psychische Erkrankungen zu integrieren. Unsere Technologie ermöglicht es uns, eine Vielzahl an Themen in einer einzigen Anwendung zu behandeln, und dieses Potenzial wollen wir noch weiter ausschöpfen. Chronische Krankheiten sind stark korreliert miteinander und Personen haben gerade im fortgeschrittenen Alter oft mehrere chronische Erkrankungen. Als Patient will ich dann nicht mehrere Apps nutzen, sondern einen Coach, der sich genau auf meinen individuellen Gesundheitsstatus und meine Bedürfnisse anpasst.

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