In der Pflegebranche braucht man einen langen Atem

Die Pflegebranche ist für die meisten Startups wenig attraktiv. Innovationen finden nur selten einen Weg auf diesen Markt, denn Themen wie ‚Inkontinenz‘, ‚Umlagerung‘ und ‚Patientenversorgung‘ scheinen einfach nicht ‚sexy‘ genug zu sein. Hinzu kommt die Schwierigkeit, tragfähige Geschäftsmodelle im Pflegebereich zu entwickeln. Ein fataler Fehler, hält man sich die Entwicklungen in diesem Bereich vor Augen: 500.000 Pflegekräfte werden in Deutschland voraussichtlich im Jahr 2035 fehlen. Schon jetzt kommen auf eine Pflegekraft 25 Bewohner – und das, obwohl die Zahl der zu pflegenden Menschen in Deutschland kontinuierlich steigt.

Um dieser Entwicklung etwas entgegenzuhalten, gründete Jens Grudno das Startup AssistMe. Als digitale Pflegeassistenz unterstützt dessen Technologie Pflegekräfte in ihrem Alltag. Und zwar vor allem dort, wo es am dringendsten benötigt wird. Das mag nicht ‚sexy‘ sein, ist aber in der Pflegebranche bitter nötig. In einem Interview mit 5-HT erzählt Jens, wie sein Startup eine konservative Branche erobert – und damit nicht nur die Pflegequalität verbessert und Leid mindert, sondern auch Kosten und Zeit erspart.

Jens Grudno, CEO und Gründer von AssistMe

Weg mit der Routine – Pflege personalisieren

„Die Pflege ist momentan stark routineabhängig. Sie beruht auf Pflegeprotokollen und die Pflegeempfänger werden in vorgegebenen, zeitlichen Abständen versorgt. Mit unserer Technologie sollen die Pflegekräfte genauso viel Zeit mit den Pflegebedürftigen persönlich verbringen wie bisher, aber eben nur dann, wenn die Pflegekraft auch tatsächlich gebraucht wird“, erklärt Gründer und CEO Jens Grudno, „Das heißt: Wir wollen unnötige Mehrarbeit und Mehrkosten reduzieren. Die Pflegebedürftigen sollen zum richtigen Zeitpunkt von den Pflegekräften unterstützt werden, nämlich genau dann, wenn sie deren Hilfe benötigen.“

AssistMe ermöglicht diese auf den Pflegeempfänger zugeschnittene Versorgung durch den Einsatz modernster Sensortechnologien für handelsübliche Inkontinenzhilfsmittel. Dabei wird ein wiederverwendbarer Clip direkt an der aufsaugenden Inkontinenzhose angebracht. „In dem Clip sind mehrere Sensoren eingebaut. Durch die Kombination aller Daten können wir Feuchtigkeit und deren Menge, möglichen Stuhl, Bewegung und Beschleunigung messen. Wir können also genau sagen, ob, wieviel und was genau in der Inkontinenzhose ist“, erläutert Jens.

Ähnliche Produkte von anderen Herstellern seien bereits in der Entwicklung, doch bislang konzentrierten sich diese allein auf die Frage, ob Urin in der Inkontinenzhose sei. Informationen über Stuhlausscheidungen werden von diesen nicht erfasst. Gerade dies sei aber besonders wichtig, wie Jens erklärt: „Es gibt eine Korrelation zwischen Liegezeit in Stuhlausscheidungen und medizinischen Komplikationen. Daher ist es ganz wichtig zu erkennen, ob Stuhl vorhanden ist, denn durch seinen PH-Wert und die Bakterien kann er die Hautbarriere zerstören und Harnwegsinfekte hervorrufen.“

Der multi-funktionale AssistMe-Clip

Von ‚drei auf eine‘ – Liegezeiten reduzieren

Zukünftig wird AssistMes digitaler Pflegeassistent auch über die Körperposition von Inkontinenzbetroffenen informieren können. „Momentan konzentrieren wir uns hauptsächlich auf das Thema Inkontinenz. Aber wir wollen in Zukunft weitere pflegerelevante Funktionen integrieren. Die Bewegung des Pflegeempfängers wird automatisch dokumentiert. Der Pflegeassistent kann den Pflegekräften daher auch sagen, ob eine bettlägerige Person umgelagert werden muss oder ob sie in der Nacht versucht, aufzustehen. So kann der Pflegeassistent frühzeitig auf Gefahrensituationen aufmerksam machen und möglichen Verletzungsfolgen zuvorkommen.“

Aktuell hat sich das Team von AssistMe ein Ziel gesteckt: „Wir wollen die jetzige Liegezeit von bis zu drei Stunden in einer wechselbedürftigen Inkontinenzhose drastisch reduzieren – auf maximal eine Stunde.“

Das bedeutet nicht, dass Routinebesuche per se wegfallen, wie Jens deutlich macht. Aber die Pflegekräfte könnten die Inkontinenzversorgung effizient und diskret durchführen, denn die manuellen Kontrollen der Inkontinenzhose könnten durch digitale Information über das Smartphone ersetzt werden. Unnötige Eingriffe in die Privatsphäre sowie unnötiges Wecken in der Nacht werden hierdurch reduziert und fördern so die Lebensqualität der Pflegebedürftigen.

Materialkosten einsparen – Pflege optimieren

Ihre Technologie ist nicht nur für die Pflegekräfte von Vorteil, so erklärt Jens: „AssistMe hat zuallererst qualitative Vorteile, da unnötige Routineschritte wegfallen und so mehr persönliche Zeit für den Pflegebedürftigen bleibt. Aber auch der Materialverbrauch wird durch AssistMe optimiert: Produktausläufe werden vermieden, die Aufsaugkapazität wird optimal ausgelastet und die Produktauswahl wird durch bessere Bedarfstransparenz für jeden Einzelnen individuell gestaltet. Daher ist AssistMe für Pflegeeinrichtungen am Ende des Jahres kostenneutral.“

AssistMes Hauptkunden sind Pflegeeinrichtungen, doch zu ihren Nutznießern gehören nicht nur die Heimleitungen selbst, sondern vor allem die Pflegedienstleitungen und die Pflegekräfte, die durch AssistMe stark profitieren werden. Zu Schulungszwecken, aber auch zur Verbesserung der eigenen Arbeit können die dokumentierten Daten genutzt werden. „Die Endgeräte der Pflegekräfte sind aber nicht personalisiert“, hebt Jens hervor, „Unser Ziel ist nicht die Kontrolle, sondern die Unterstützung der Pflegekräfte.“

Für die Patienten – Pflege emotionalisieren

In einem Alphatest Ende letzten Jahres und einem Betatest Anfang dieses Jahres konnte AssistMe bereits seine Tester voll überzeugen und ist auch weiterhin in einer Pflegeeinrichtung dauerhaft installiert.

„Manche Pflegekräfte wurden sehr emotional, als sie mit AssistMe gearbeitet haben. AssistMe meldete ihnen, dass der Pflegebedürftige sie benötigte – und das kurz nach einer Routinekontrolle. Die Pflegekräfte wussten, dass sie den  Pflegebedürftigen routinemäßig erst zweieinhalb Stunden später wieder besucht hätten. So lange müsste der Patient also – ohne AssistMe – in einer benutzten Vorlage liegen.“ An diesem Beispiel wird deutlich, wie bedeutend die Technologie auch für die Pflegebedürftigen selbst ist.

Eben diesem Wunsch, den Pflegebedürftigen ein besseres Leben zu ermöglichen und die Pflegekräfte dabei zu entlasten, hat sich das multinationale Team von AssistMe verschrieben. Die zündende Idee zu AssistMe kam Jens 2016 während seiner Zeit beim company builder Next Big Thing, angestoßen durch persönliche Erfahrungen in seiner Familie.

Neue Features und Möglichkeiten – Pflege innovativ

Keiner des 13-köpfigen Teams stammt selbst aus der Pflegebranche, doch Jens sieht das keineswegs als Nachteil: „Wir trauen uns die Fragen zu stellen, die andere Leute aus der Branche nicht mehr stellen. Als Startup ist der Feedback-Loop bei uns sehr eng. Ein Drittel unseres Teams arbeitet im Bereich Human-Centered Design. Das ist uns sehr wichtig.“

Das Team von AssistMe

Gerade in der Pflegebranche ist es jedoch für ein junges Unternehmen nicht immer leicht, denn der Markt gilt als konservativ und wenig innovativ, wie Jens erläutert: „In der Pflegebranche muss man beweisen, dass man es mit seinem Startup ernst meint. Das heißt, man braucht einen sehr langen Atem und langfristig engagierte Investoren. Dafür gibt es wenig Konkurrenz, weil das Thema für Startups unattraktiv ist.“

Schon innerhalb des nächsten halben Jahres will AssistMe mit seiner Technologie auf den Markt kommen. Seine Technologie soll auch dann noch weiterentwickelt und mit neuen Features ausgestattet werden, um möglichst viele routinemäßige Kontrollen durch personalisierte Pflegeaktivitäten zu ersetzen. Das Startup sucht daher Pflegeeinrichtungen, die sein Produkt testen und dauerhaft installieren möchten. Außerdem sollen bis Mitte 2020 sieben neue Stellen in den Bereichen technische Entwicklung sowie Sales geschaffen werden.

Zwar ist die Pflegebranche gerade für Startups eine Herausforderung, doch gleichzeitig birgt sie einen Vorteil, den nur die wenigsten Branchen haben. „Das Schöne an der Pflegebranche ist, dass meine Arbeit jetzt viel befriedigender ist als alles, was ich davor gemacht habe“, erklärt Jens, „Denn jetzt habe ich eine höhere Mission, die mich antreibt.“

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