Simulationen in der Cloud

Wie können Prozesse wie das Befüllen von Behältnissen oder Formen optimiert oder das Verhalten komplexer Flüssigkeiten wie Blut vorhergesagt werden? Das Berliner Startup dive solutions hat eine Simulationssoftware entwickelt, mit der sich komplexe dynamische Prozesse wie diese leichter modellieren lassen als zuvor. Für all das muss man keine Software installieren, sondern sich nur im Browser einloggen. Wie das die Kommunikation erleichtert, den administrativen Aufwand reduziert und die Mitarbeit verschiedener Beteiligter einfacher macht, erklärt Pierre Sabrowski, einer der vier Gründer und CEO von dive solutions, im Interview mit 5-HT.

Welche Prozesse lassen sich mit der Simulationsmethode von dive solutions modellieren?

Unsere Methode eignet sich für die Simulation von Flüssigkeiten, Gasen oder granularen Medien in dynamischen Maschinen oder Prozessen, bei denen viele Dinge in Bewegung sind, zum Beispiel Wasser oder Öl. Ein klassisches Beispiel wäre die Simulation von Öl in einem Getriebe oder die Simulation von Düsen, aus denen eine Flüssigkeit austritt. Da bewegt sich einiges, Flüssigkeit spritzt durch die Gegend, und das ist mit klassischen Methoden sehr schwierig zu simulieren.

Inwiefern unterscheidet sich eure Simulationsmethode von den bereits existierenden?

Die klassischen Methoden sind gitterbasiert. Das kann man sich wie ein Mosaik vorstellen, bei dem jedes Teilchen prinzipiell statisch ist. Wenn man aber einen dynamischen Prozess simulieren will, zum Beispiel wie Öl durch ein Getriebe fließt, wird das schnell sehr aufwendig und kompliziert. Für jede kleine Bewegung, die stattfindet, muss das Mosaik neu gebaut werden. Bei unserer gitterlosen, partikelbasierten Simulation ist das anders. Das kann man sich wie ein Bällebad vorstellen: Die Bälle folgen einfach der Strömung, werden auf natürliche Weise verdrängt, wenn ein Hindernis aufkommt, und fließen von selbst weiter. Das sorgt dafür, dass ganz neue Simulationen möglich sind. Man hat plötzlich die Möglichkeit, sehr komplexe Fälle relativ spielerisch zu lösen.

Simuliertes Getriebe

Welche Anwendungsbeispiele kann man sich dafür in der Chemie- oder Pharmabranche vorstellen?

In der Chemie oder Verfahrenstechnik gibt es etliche Prozesse mit Flüssigkeiten, Gasen, granularen Medien oder beliebig komplexen Mischungen daraus. Generell eignet sich auch alles, was mit Düsen oder dem Vermischen von Stoffen zu tun hat, für unsere Methode. Insbesondere Füllvorgänge in der Fertigung von Metall- oder Kunststoffteilen werden angefragt – das ist mit einer gitterbasierten Methode nur schwierig oder oft auch gar nicht zu modellieren.

In der Pharma- und Medizinbranche simulieren wir zum Beispiel das Verhalten von Blut. Wie fließt es zum Beispiel im menschlichen Körper? Was passiert durch intravenöse Zugänge oder wie fließt das Blut durch externe Maschinen? Auch die Bewegung von Pulver oder anderen granularen Medien lässt sich mit unserer Simulation gut abbilden.

Eure Software muss nicht erst installiert werden, sondern ist über eine browserbasierte Plattform zugänglich. Welche Vorteile bringt das für den Benutzer?

Das macht die Prozesse viel einfacher und reduziert den administrativen Aufwand: Man muss keine Hardware oder Software mehr installieren, sondern kann sich einfach online einloggen und loslegen. Dadurch kann man auch die verschiedenen Parteien, die an einem Projekt beteiligt sind, einfacher zusammenbringen. Normalerweise hat nur der Simulationsingenieur die Software auf seinem Rechner installiert. Wenn er seinen Manager über den Stand der Dinge informieren will, muss er erst mal per Screenshot seine Ergebnisse in eine Powerpoint-Präsentation einfügen und das seinem Chef zusenden. Bei uns kann er dem Produktmanager oder dem Produktdesigner einfach per Link den Zugang schicken, sodass dieser sich die Simulationsergebnisse direkt anschauen oder als Video herunterladen kann. Das reduziert den Kommunikationsaufwand, der in Simulationsabteilungen oft erheblich ist.

Abgesehen von der Simulation, welche weiteren Funktionen bietet eure Software?

Über unsere Plattform können auch Informationen zum Projektfortschritt eingesehen werden, was besonders für den Projektmanager interessant ist. Dabei kann man auch genau überprüfen, welche Kosten bisher entstanden sind. Wenn man eigene Server kauft, kann man nicht genau zuordnen, welches Projekt wie viel Serverleistung in Anspruch genommen hat. Weil wir allerdings die Hardware je nach Nutzlast zur Verfügung stellen, lassen sich die Kosten genau zuordnen, sodass die Kostenkontrolle transparenter wird.

Wie funktioniert die Bedienung für den Benutzer – welche Kenntnisse sind notwendig?

Die partikelbasierte Methode ist sehr einfach zu bedienen. Unsere Idee ist es, die Produktdesigner zu ermächtigen, sodass sie in Zukunft auch selbst kleinere Simulationen durchführen können. Der Simulationsingenieur bereitet dann den Prozess vor und schickt dem Produktdesigner einen Link. Daraufhin kann dieser selbst kleinere Veränderungen durchführen, die Ergebnisse analysieren und auf neue Ideen kommen.

Wie kam es zur Gründung von dive solutions?

dive solutions ist aus der Bosch-Gruppe heraus entstanden. Mit meinen Mitgründern Maik Störmer und Johannes Gutekunst habe ich zusammen in einem Team der BSH Hausgeräte GmbH gearbeitet, in dem es darum ging, dynamische Waschprozesse zu simulieren. In einem Kooperationsprojekt mit verschiedenen Berliner Hochschulen haben wir unsere Technologie entwickelt, sind als Team zusammengewachsen und wurden so groß, dass uns 2017 angeraten wurde, als Spin-off weiterzumachen. Unseren vierten Mitgründer, Felix Pause, kannten wir aus der Universität. Er hat Praxiserfahrung aus dem Ingenieursalltag bei Siemens gesammelt, die unser Gründungsteam perfekt abgerundet hat.

Die Gründer von dive solutions: Pierre, Maik, Johannes und Felix (v.l.n.r.)

Wie ging es nach der Gründung weiter – und wie ist der aktuelle Stand der Entwicklungen?

Im ersten Jahr wurden wir durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert und haben in dieser Zeit gelernt, wie die Industrie tickt, wie man Netzwerke aufbaut und wie man aus einer Technologie tatsächlich ein Produkt macht. Im Sommer 2018 wurde dive solutions dann offiziell gegründet. Daraufhin haben wir Pilotprojekte durchgeführt, um zu sehen, wo sich die Software noch verbessern lässt. In diesem Sommer haben wir die ersten Investoren an Bord geholt. Aktuell sind wir dabei, unser Team zu verstärken: Wir suchen Mitarbeiter in der Entwicklung, im Marketing und im Sales, Unternehmen können schon heute Lizenzen erwerben und unser Produkt in der Betaphase nutzen. Wir arbeiten besonders eng mit unseren Kunden zusammen, um das Feedback sofort in die Weiterentwicklung einfließen zu lassen. Bis Ende des Jahres wollen wir die Funktionalität massiv erhöhen.

Zusammen mit elf anderen Startups habt ihr im Mai 2019 an unserem Programm X-Linker teilgenommen, bei dem es verschiedene Mentoring-Sessions gab und bei dem sich Startups mit Investoren und Corporates vernetzen konnten. Was habt ihr aus dem Programm mitgenommen – was hat sich daraus ergeben?

Bei Coaching-Programmen sind wir grundsätzlich skeptisch und sind daher erst mit Vorbehalten hingegangen, aber wir müssen sagen, dass es für uns eins der besten Startup-Events war, an denen wir teilgenommen haben. Wir haben ein nachhaltiges Netzwerk aufgebaut – nicht nur, was Kunden angeht, sondern auch was die Unterstützung junger Unternehmen betrifft. Wir haben auch gemerkt, dass die Dichte und Qualität an Kontakten in die Industrie in Mannheim/Ludwigshafen und insbesondere im X-Linker für Unternehmen wie uns einiges zu bieten hatte.

Was ist eure Vision für die Zukunft von dive solutions?

Wir wollen die Breite der Anwendungsszenarien vergrößern, sodass unsere Software mehr technische Fälle abbilden kann, als schon heute möglich ist, und wir wollen die Industrie darin unterstützen, Simulationsprozesse in der Cloud durchzuführen und zu optimieren. In Kurzform: Wir wollen bekannt dafür sein, dass man bei uns Cutting-Edge-Technologie bekommt, um damit Simulationen auf die effizienteste Art durchzuführen und schlussendlich Entwicklungsprozesse zu beschleunigen. Dafür wollen wir mit unserem Produkt einen neuen Standard setzen.

Werden Sie Teil des Digital Hub Mannheim/Ludwigshafen:

Tauschen Sie sich mit innovativen Startups und etablierten Unternehmen in unserem Netzwerk aus.