Eine App gegen die Angst

Abends im Bett liegen und vor lauter Sorgen nicht einschlafen können, ständig in Selbstzweifel verfallen und sich den Worst Case ausmalen, bis hin zur Panikattacke – für viele Menschen gehört das zum Alltag. Angststörungen sind eine der häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland sind etwa 12 Millionen Menschen betroffen. Doch die Hürden, sich in Therapie zu begeben, sind groß.

Für solche Fälle gibt es nun digitale Unterstützung – mit der App Pocketcoach, die seit Kurzem auf dem Markt ist. Entwickelt wurde sie von dem gleichnamigen, in Wien ansässigen Startup um den Psychologen Manuel Kraus. Im Interview mit 5-HT spricht der Gründer darüber, wie er Betroffenen mit seiner App helfen will, ihre Ängste zu besiegen und ein besseres Leben zu führen.

Pocketcoach Gründer Manuel Kraus

Was ist Pocketcoach?

Unsere App ist ein digitaler Coach für Menschen, die mit Angstzuständen und Stress zu kämpfen haben. Pocketcoach führt seine Nutzer Schritt für Schritt durch einen therapieähnlichen Prozess. Dafür nehmen wir verhaltenstherapeutische Ansätze und übersetzen sie in Selbsthilfeprogramme, und zwar in Form von Konversationen. Ein Chatbot führt die Nutzer Schritt für Schritt durch das Programm.

Wie kann man sich die Therapie mit einem Chatbot vorstellen?

Am Anfang steht zunächst einmal die Frage: Was bringt den Nutzer hierher? Übermäßiges Sich-Sorgen-Machen, Panikattacken, Ängste in sozialen Situationen …? Je nachdem gibt es verschiedene Kurse zur Auswahl. Ein Kurs besteht aus vielen aufeinander aufbauenden Konversationen. Zum Beispiel kann in einer Lektion zuerst erklärt werden, wie ein bestimmtes schädliches Denkmuster entsteht und wie man es durchbrechen kann, und darauf kann dann eine entsprechende Übung folgen. Jede Konversation baut auf der vorhergehenden auf, so wie es auch bei einem echten Therapeuten wäre.

Screenshots der Pocketcoach-App

Kann die App den Gang zum Therapeuten ersetzen?

Pocketcoach ersetzt auf keinen Fall eine echte Psychotherapie. Das ist auch eine der ersten Informationen, die der Nutzer sieht, wenn er die App öffnet. Unser Ziel ist es, Menschen zu helfen, die aus verschiedenen Gründen ansonsten keine Hilfe bekommen würden. Erstens haben viele nicht die Zeit oder das Geld für eine Therapie. Zweitens gibt es immer noch eine große Hemmschwelle, sich in psychologische Behandlung zu begeben. Außerdem sind die Probleme bei vielen Leute nicht so groß, dass sie deswegen sofort in Therapie müssten. Außerhalb der klassischen Therapie gibt es allerdings kaum Hilfsangebote. Dabei ist gerade das ein Bereich, der für viele Leute wichtig wäre. Da gibt es vielleicht Selbsthilfebücher und Meditationsapps, und das war’s.

Warum ausgerechnet das Thema Angststörungen?

Das Angstthema ist ein extrem großes Problemfeld. Aktuell sind wir mit Pocketcoach vor allem im US-Markt aktiv, und je nach Datenlage sind dort 15 Prozent aller Menschen von einer Angststörung betroffen. Da sind noch nicht einmal die vielen mitgezählt, die nur vorübergehend mit Ängsten zu kämpfen haben, also unsere eigentliche Hauptzielgruppe. Wir haben das Angstthema also deshalb ausgewählt, weil wir etwas machen wollten, was möglichst viele Menschen betrifft.

Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass sich Angstprobleme über skalierbare Therapieansätze, vor allem über die Verhaltenstherapie, sehr effektiv und strukturiert lösen lassen. Es steht nicht im Vordergrund, zu analysieren, was in der Kindheit passiert ist, sondern es geht eher um bestimmte Denk- und Verhaltensmuster, die man identifizieren und durchbrechen kann. Deshalb sind Angststörungen besser als andere psychische Krankheiten für eine Selbsthilfe-Behandlung wie mit Pocketcoach geeignet.

Wie kam es zur Gründung von Pocketcoach?

Ich habe zuerst im Bereich Wirtschaft angefangen, habe dann aber gemerkt, dass ich lieber etwas machen möchte, bei dem der Mensch stärker im Zentrum steht. Deshalb habe ich auf Psychologie umgeschwenkt. Von Anfang an war mir klar, dass ich Psychologie und neue Technologien miteinander verbinden will. Viele Therapeuten sind in der Praxis noch eher konservativ. Da habe ich mich gefragt: Wie kann man die Möglichkeiten des Internets nutzen, um Menschen besser zu helfen? Pocketcoach habe ich dann zusammen mit Philipp, einem Machine-Learning-Experten gegründet. Kurz darauf kam auch die Psychologin Tara ins Team dazu.

Das gesamte Team von Pocketcoach: hinten: Manuel (Gründer), Philipp (Co-Gründer), Jozua; vorne: Tara, Xinduo

Warum habt ihr euch ausgerechnet dafür entschieden, eine App zu entwickeln?

Mit einer App ist die Reichweite einfach unschlagbar. Außerdem weiß jeder, wie schwer es ist, einen Menschen dauerhaft zu verändern, weil unsere Verhaltensmuster sehr tief verwurzelt sind. Ein Selbsthilfebuch kann da nur wenig helfen – es kann einem nur Buchstaben schwarz auf weiß zeigen, und wenn man es gerade nicht aufgeschlagen hat, ist alles weg. Onlinekurse können schon mehr, zum Beispiel E-Mail-Erinnerungen verschicken. Aber eine App ist die nächste Stufe: Sie ist noch interaktiver, sie kann Menschen miteinander vernetzen, kann Notifications direkt aufs Handy schicken und ist immer dabei, weil man schließlich auch das Handy immer dabeihat. Alles, was das Smartphone so toxisch macht, wenn es um Social Media geht, ist gleichzeitig das große Potenzial, wenn man eine App baut, die dem Menschen etwas Gutes tun will. Deshalb habe ich mir schließlich mit der Hilfe von verschiedenen IT-Spezialisten die notwendigen Kenntnisse beigebracht, um die App selbst programmieren zu können.

Wie sieht der aktuelle Stand aus?

Vor Kurzem haben wir Pocketcoach offiziell gelauncht und sind sehr stolz darauf. Zu Beginn wird die App gratis sein, aber dann werden wir relativ bald ein Abo-Modell einführen. Zunächst soll es eine kostenlose Testversion geben, damit die Leute schauen können, ob sie bereit sind, dafür zu zahlen. Daraufhin kann man ein monatliches oder jährliches Abo abschließen.

Zusammen mit elf anderen Startups habt ihr im Mai 2019 an unserem Programm X-Linker teilgenommen, bei dem es verschiedene Mentoring-Sessions gab und bei dem sich Startups mit Investoren und Corporates vernetzen konnten. Mit ein wenig Abstand betrachtet, was hat euch die Teilnahme gebracht?

Den größten Mehrwert hatten für uns ein paar Mentoring-Sessions, die uns stark beim Fokussieren geholfen haben und uns viel Zeit erspart haben. Weil unser Produkt eine B2C-App für den amerikanischen Markt ist, waren für uns nicht die passenden Investoren dabei, aber die Mentoren haben uns super weitergeholfen, weil sie teilweise Erfahrungen in ähnlichen Bereichen hatten und uns sagen konnten, worauf wir achten müssen.

Was ist eure Vision für die Zukunft von Pocketcoach?

Wenn jemand wissen will, wie die Hauptstadt von Jemen heißt, fragt er Google oder Siri. Aber wenn jemand überfordert ist und abends nicht einschlafen kann, wäre das Ziel, dass er dann Pocketcoach um Hilfe bittet und dort auch die Hilfe bekommt, die er braucht.

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