Ist ein Stück Schokolade gesünder als eine Banane?

Die personalisierte ‚Ernährung für die Hosentasche‘ mit Perfood und MillionFriends

Obst ist gesund, Weißbrot ist es nicht und Schokolade macht dick – so einfach geht gesunde Ernährung. Oder etwa doch nicht? Die richtige Ernährung zählt heutzutage zu den wichtigsten Themen rund um die Gesundheit – immerhin kämpfen immer mehr Menschen mit Übergewicht oder Adipositas und die zweithäufigste Todesursache, nämlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wird durch einen ungesunden Lebensstil mitverursacht. Kein Wunder also, dass sich immer mehr Menschen Gedanken um ihre Ernährung machen. Mit Low Carb, Superfood und Paleo-Diäten haben sich zahlreiche Trends etabliert.

Aber gibt es die gesunde Ernährung? „Nein!“, sagt Dominik Burziwoda, Geschäftsführer von Perfood. Sein Startup hat ein personalisiertes Ernährungsprogramm entwickelt, das auf den individuellen Menschen abgestimmt ist. Perfood räumt mit Mythen auf und macht gesunde Ernährung wissenschaftlich messbar, wie Dominik im Interview mit 5-HT verrät.

Dominik Burziwoda, Geschäftsführer von Perfood

Was ist Perfood und was hat es mit einer gesunden Ernährung zu tun?

„Perfood ist das Unternehmen hinter MillionFriends, unserem personalisierten Ernährungsprogramm. Bei dem Programm begleiten wir die Teilnehmer 14 Tage mit einem Blutzuckersensor. Die Teilnehmer führen dabei ein Ernährungstagebuch, testen verschiedene Mahlzeiten und messen währenddessen die Blutzuckerverläufe. Wir werten die Verläufe am Ende dann intern aus und können sagen, ob die Blutzuckerkurve günstig oder ungünstig verläuft. Das hört sich auf den ersten Blick recht einfach an, aber wir arbeiten dafür mit machine learning Algorithmen, die mit über 100.000 Mahlzeiten von Diabetologen, Ernährungsmedizinern, Informatikern und Mathematikern trainiert wurden. Am Ende erstellen wir personalisierte Ernährungsempfehlungen, die den Blutzucker stabil halten.“

Warum ist Ernährung für die eigene Gesundheit so wichtig?

„In unserem Körper finden beim gesunden Altern verschiedene biochemische und hormonelle Prozesse statt. Auf die nehmen wiederum verschiedene Faktoren Einfluss, wie die menschliche DNA, psychosoziale Faktoren, Bewegung, Schlaf und eben auch die Ernährung. Wir gehen aufgrund der aktuellen Datenlage davon aus, dass die Ernährung den maßgeblichsten Einfluss auf ein gesundes Altern hat. Deshalb ist die Ernährung unser Fokus.

Meiner Überzeugung nach ist es entscheidend, dass sich Menschen mit ihrer eigenen Gesundheit auseinandersetzen. In Deutschland sterben pro Jahr ungefähr eine Million Menschen. Davon sterben ungefähr 235.000 aufgrund von Krebserkrankungen, die zum Teil auch ernährungsbedingt oder übergewichtsakzentuiert sind. 350.000 Menschen sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das große Gesundheitsthema unserer Zeit sind also, nicht wie in den 80ern HIV oder Krebs wie in den ’50ern, ’60ern und ’70ern, sondern Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die sind ein Resultat des Lebensstils, also auch der Ernährung. Dieses große Gesundheitsthema ist nicht heilbar durch Medikamente, wie beispielsweise bei der Tuberkulose, oder durch Entwicklungen von Therapiekomplexen wie bei Krebs, sondern hängt direkt mit dem Lebensstil zusammen. Wir müssen lernen, mehr auf uns zu achten. Dabei helfen uns digitale Ernährungstherapien, die wir mit MillionFriends erstellen.“

Warum muss eine gesunde Ernährung individuell abgestimmt sein?

„Es heißt oft: Es gibt gute und schlechte Lebensmittel. Beispielsweise gibt es den glykämischen Index oder Low Carb-Konzepte. Das sind Konzepte, die davon ausgehen, dass bestimmte Kohlenhydrate schlecht sind. Die Wissenschaft zeigt aber, dass das nicht so ist. Welches Lebensmittel günstig oder ungünstig ist, hängt von jedem Menschen ganz individuell ab. Zum Beispiel führt Schokolade bei mir zu einer sehr geringen Blutzuckerantwort. Wenn ich also 50mg Schokolade esse, bleibt mein Blutzucker stabiler und ich bin länger satt, als wenn ich eine Banane esse. Wenn ich anfangen würde, Bananen zu essen, in der Hoffnung, etwas für meine Gesundheit zu tun, dann baue ich mir meine Probleme sozusagen selbst.

Es wird immer wichtiger, objektiv messbare Marker zu haben, da gerade im Lebensmittelbereich sehr viel Weltanschauung, Ethik und Umweltschutz mit Gesundheitsfragen vermischt werden. Für den Blutzucker gibt es sehr klare klinische Indikationen, denn er ist durch die Erkrankung Diabetes mellitus sehr gut erforscht. Außerdem ist der Blutzucker, im Gegensatz zu vielen anderen Markern, wie zum Beispiel Blutfette oder Leberwerte, sehr gut messbar.

Letztendlich soll aus MillionFriends also eine Plattform wachsen, die individuelle Ernährungstherapien anbietet, die datenbasiert und damit objektiv sind. Wir wollen also den individuellen Code für eine gesunde Ernährung knacken.

Je mehr wir am Körper kontinuierlich messen können, desto höher sind außerdem die Chancen, präventiv arbeiten und Erfolge zeigen zu können.“

Was hat es dann mit den „Million Friends“ auf sich?

„Neben dem Blutzucker ist das Darmmikrobiom, also die Darmbakterien, auch ein spannender Gesundheitsmarker. Daher stammt auch unser Name MillionFriends. Das Darmmikrobiom ist ein wesentlicher Faktor dafür, wie wir auf ein Lebensmittel im Blutzucker ansprechen. Aber die Forschung steht da noch ganz am Anfang. Im Vergleich zum Blutzucker ist das Darmmikrobiom sehr komplex und noch nicht ausreichend erforscht. Man muss sehr vorsichtig und ethisch vernünftig damit umgehen, weil das aktuell ein richtiges Hype-Thema ist. Es gibt viele Unternehmen, die DANN-basierte Mikrobiom-Tests zur Diagnostik verschiedener Erkrankungen anbieten und basierend auf den Ergebnissen zum Beispiel Nahrungssupplemente wie Probiotika verkaufen. Hier braucht es unserer Meinung nach aber noch deutlich mehr wissenschaftliche Anstrengungen und einheitliche Standards.

Eine Ausnahme stellt in unseren Augen die Bestimmung der mikrobiellen Diversität des Darms dar. Eine reduzierte Diversität des Mikrobioms zeigt sich durchgängig in den vorliegenden Studien als ein Risikofaktor für Erkrankungen. Wir analysieren das Mikrobiom in unserem Programm nach einheitlichen, qualitätsoptimierten Standards.

Personalisierte Ernährung durch Blutzuckermessung und Bestimmung des Darm-Mikrobioms

Die Teilnehmer bekommen je nach Testergebnissen Ernährungsempfehlungen. Diese unterstützen dabei, die Diversität zu erhalten oder – für den Fall, dass eine geringe Diversität vorliegt erhöhen diese Diversität.

Daneben trainieren wir Algorithmen darauf, die Blutzuckerantwort auf eine Mahlzeit vorherzusagen, bevor diese überhaupt gegessen wurde. Damit wird die Aussagekraft unserer Vorhersagemodelle noch weiter verbessert und wir können unseren Kunden noch mehr Informationen bieten.“

Heißt das, ihr verbessert eure Algorithmen und das Ergebnis durch jeden neuen Kunden?

„Richtig. Im letzten Jahr haben wir den Fokus daraufgelegt, genug Trainingsdaten zu sammeln. Mittlerweise haben wir eine vierstellige Teilnehmerzahl und können durch Machine Learning sehr gut mit den Daten arbeiten. Ich glaube aber, dass es noch viel Potential in diesem Bereich gibt.“

Wer sind eure Kunden und warum interessieren sich gerade diese Zielgruppen für MillionFriends?

„Unsere Kunden sind zu 70% Frauen, meist zwischen 35 und 50 Jahren. Aber die Altersspanne unserer Kunden insgesamt ist sehr breit. Wir haben Teilnehmer, die gerade 20 Jahre oder schon über 80 Jahre alt sind.

Ab 35 Jahren beginnt das Alter, in dem man sich mehr Gedanken um die eigene Gesundheit hat. Man arbeitet bereits ein paar Jahre, hat vielleicht ein paar Kilogramm zugenommen und hat in diesem Alter oft selbst Kinder. Das ist eine Phase, in der sich Frauen sehr viel mit Gesundheit auseinandersetzen. Wenn die Teilnehmer dann etwas älter sind, vielleicht zwischen 40 und 50 Jahren, haben sie oft schon Erkrankungen in der Familie oder im Freundeskreis erlebt. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und merke selbst, dass ich durch meine Eltern oder Freunde öfter mit Gesundheitsthemen konfrontiert werde.“

Wie sieht das Ergebnis dieses zweiwöchigen Programms für den Kunden aus?

„Die Teilnehmer bekommen eine Auswertung. Diese unterteilt sich in eine persönliche, ganz individuelle Auswertung, bei der für dich typische Mahlzeiten gemessen wurden, und einfache Faustregeln für die Ernährung. Beispielsweise gibt es einen Weißbrot- und einen Vollkorntyp. Ungefähr 35% unserer Teilnehmer sind der Weißbrottyp, für sie ist also Weißbrot gesünder als Vollkornbrot, was den Blutzucker anbelangt. Wir haben also bestimmte Faustregeln und Tests, um Typen zu bestimmen. Durch MillionFriends muss man also nichts Fundamentales an der eigenen Ernährung ändern, kann aber gleichzeitig durch geringfügige Anpassungen sehr viel für die eigene Gesundheit tun.“

Wie kam es zur Gründung von Perfood und wer steckt hinter dem Namen?

„Die Idee ist im Institut für Ernährungsmedizin an der Universität in Lübeck entstanden, in dem unser Gründer Christian Sina Professor ist. Gemeinsam mit seinen Kollegen Torsten Schröder und Christoph Twesten versuchte er in der Sprechstunde gegen Adipositas und Fettleber, Menschen beim Abnehmen zu helfen. Als dann die Forschung mit individuellen Ernährungsansätzen aufkam, war klar: Dadurch kann man Menschen besser therapieren und ihnen das Abnehmen erleichtern. Torsten Schröder fragte mich dann, ob ich als Betriebswirt bei der Gründung helfen wollte. Gegründet wurde die Firma im Juli 2017.

Bei uns im Unternehmen arbeiten 20 Personen, von denen nur ein einziger Betriebswirt ist – das bin ich. Wir haben vier Personen, die für Marketing, Design und Kundenservice zuständig sind. Die anderen 15 Mitarbeiter sind Ernährungswissenschaftler, Informatiker, Bioinformatiker, Statistiker, Ärzte und Datenanalysten – wir sind also sehr technisch aufgestellt. Das braucht man auch, um ein Medizinunternehmen zu gründen.“

Das Team von Perfood

Was erhofft ihr euch von 5-HT und Startups in unserem Netzwerk?

„Wir sind immer auf der Suche nach Partneruniversitäten und anderen Forschungsinstituten, damit die Daten der Teilnehmer für medizinische Zwecke weiter erforscht werden können. Dem Netzwerk von 5-HT sind wir hauptsächlich beigetreten, weil wir mit Pharmaunternehmen zusammenarbeiten wollen. Wir möchten kombinierte Therapien entwickeln und digital begleiten, sogenannte ‚Blended Care Ansätze‘. Dabei werden Lebensstilinterventionen mit klar definierten klinischen Markern, Pharmazeutika und Mechanismen zur Verbesserung der Adhärenz verknüpft. Wir glauben, um eine Erkrankung besser in den Griff zu bekommen, ist es ideal, die Medikation und Lebensstil-Therapie aufeinander abzustimmen und ganzheitlich eine Therapie durchzuführen. Diese Therapien möchten wir mit Pharmaunternehmen bauen.“

Und wo seht ihr euch in fünf Jahren?

„In fünf Jahren möchten wir für verschiedene Erkrankungen Ernährungstherapien auf dem Markt haben. Ich sehe uns auch international arbeiten, aber vom Markt her ist das nicht einmal erforderlich. In Deutschland gibt es viele Möglichkeiten und noch sehr viel zu tun. Unser Wunsch ist es, dass in fünf Jahren jede Erkrankung, die mit dem Lebensstil zusammenhängt, von einer personalisierten Therapie begleitet wird. MillionFriends hat dann Erfolg, wenn die Menschen, die sich danach ernähren, einen stabilen Blutzucker haben und ein gesundes Körpergewicht und bessere Glucose-Werte erzielen.“

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