„Wir müssen den Körper kontinuierlich beobachten“ – neue Wege in der Diabetes-Behandlung

Damit Diabetespatienten sich nicht mehr dreimal am Tag in den Finger stechen müssen, entwickelt das Berliner Startup DiaMonTech gerade eine Alternative. Co-Founder Thorsten Lubinski erzählt im Interview mit 5-HT, wie mit seinem Produkt der Blutzuckerspiegel in Zukunft kontinuierlich überwacht werden kann, warum er in der Healthcare-Branche besonderes Potenzial sieht und welche Tipps er als Gründer mehrerer Startups anderen jungen Unternehmern mit auf den Weg geben kann.

Co-Founder von DiaMonTech Thorsten Lubinski

Was macht DiaMonTech besonders?

Wir haben ein neuartiges Medizinprodukt entwickelt, mit dem Diabetespatienten nicht-invasiv ihren Blutzuckerspiegel messen können. Bisher verwenden die meisten Patienten noch die gleiche Methode wir vor dreißig Jahren, mit Nadel und Teststreifen. Seit ein paar Jahren gibt es auch minimalinvasive Geräte, die man sich wie ein Pflaster auf die Haut kleben kann, aber auch diese Produkte funktionieren noch mit einem kleinen Stachel. Unser Verfahren ist dagegen komplett nicht-invasiv. Ähnlich wie bei einem Fingerabdrucksensor auf einem Mobiltelefon legt man einfach den Finger auf den Sensor, und dann wird nach ein paar Sekunden der Blutzuckerwert angezeigt.

Wie funktioniert das genau?

Mein Mitgründer Werner Mäntele ist Professor für Biophysik und hat jahrelang an einer spektroskopischen Methode geforscht: Wir nutzen einen Laserstrahl, um die Glucose in der Haut ganz leicht zu erwärmen. Je mehr Glucose vorhanden ist, desto mehr Wärme wird erzeugt. Diese Wärme kann man messen, und daran kann man ablesen, wie hoch der Blutzuckerspiegel ist. Hinter dieser Methode stecken dreißig Jahre Forschungsarbeit, und darauf haben wir auch ein Patent.

Wie weit seid ihr aktuell in der Entwicklung?

Zurzeit haben wir ein voll funktionsfähiges Gerät, das allerdings noch so groß wie ein Schuhkarton ist. Dafür bereiten wir gerade die medizinische Zulassung vor. Danach kommen ausführlichere Tests, und dann entwickeln wir die nächste Stufe: ein Gerät, das etwa so groß wie ein Smartphone sein soll und das der Nutzer ständig bei sich tragen kann. 2021 wollen wir dann so weit sein, dass für die Blutzuckermessung nur noch ein kleiner Sensor notwendig ist, den man zum Beispiel in ein Armband einbauen und somit immer direkt auf der Haut tragen kann.

DiaMonTech Gerätefamilie

Vor DiaMonTech hast du schon viele andere Startups aufgebaut, vor allem im Softwarebereich – eine Online-Dating-Plattform, eine Spieleseite, ein E-Commerce-Startup. Warum der Wechsel in die Healthcare-Branche?

Das war eine bewusste Entscheidung, weil ich glaube, dass die Healthcare-Branche großes Potenzial hat. Bisher ist es so: Wenn ich krank werde, gehe ich zum Arzt und bekomme etwas verschrieben. Aber ich finde, man muss den Körper über einen längeren Zeitraum beobachten, nicht erst dann, wenn er krank wird. Deshalb finde ich vor allem die neuen Methoden spannend, mit denen man kontinuierlich die Vitalparameter überwachen kann. Je genauer die Sensoren sind und je mehr Daten man sammeln kann, desto besser kann man handeln.

Was bringt diese kontinuierliche Sammlung von Daten speziell für die Behandlung von Diabetes?

Gerade bei Diabetes ist es wichtig, dass der Blutzuckerwert auf einem konstanten Niveau bleibt. Bei den bisherigen Methoden misst man allerdings nur drei- oder viermal am Tag – dazwischen gibt es also lange Zeiten, in denen man keine Ahnung hat, was im Körper passiert. Mit unserem Produkt kann man aber so oft messen, wie man will, und mit dem Armband, das wir bis 2021 entwickelt haben wollen, kann der Blutzuckerspiegel sogar kontinuierlich überwacht werden. Sobald er zu hoch oder zu niedrig ist, wird der Kunde einfach durch einen Alarm benachrichtigt. Mit unserer Methode sind also sehr engmaschige Kontrollen möglich. Wenn Diabetespatienten so kurzfristig auf Veränderungen ihres Blutzuckerspiegels reagieren können, haben sie später im Leben weniger gesundheitliche Probleme.

Wie kam es zur Gründung von DiaMonTech?

Ich fand das Thema Diabetes spannend, weil es auf der ganzen Welt ein großes gesellschaftliches Problem ist. In Deutschland beträgt die Prävalenz zum Beispiel zehn Prozent. Als ich mich näher mit Diabetes beschäftigt habe, habe ich Prof. Mäntele kennengelernt. In seinem Labor hat er mir ein bereits voll funktionsfähiges, aber kühlschrankgroßes Produkt zur Messung von Glucose gezeigt. Daraus wollte er etwas machen, und dafür konnte er jemanden gebrauchen, der Business-Erfahrung mitbringt. Also haben wir uns zusammengeschlossen und 2015 DiaMonTech gegründet. Aktuell haben wir Investoren aus Deutschland, Japan und China – wir sehen also, dass ein weltweites Interesse an der Idee vorhanden ist.

Was sind zurzeit eure größten Herausforderungen?

Vor allem sind wir damit beschäftigt, unser Produkt zu verkleinern und es massenfertigungstauglich zu machen. Außerdem führen wir zurzeit umfangreiche Tests durch, um die Genauigkeit nachzuweisen. Dabei erforschen wir auch, unter welchen Umständen die Methode möglicherweise nur eingeschränkt funktioniert, zum Beispiel wenn man noch Dreck von der Gartenarbeit an den Händen hat.

Nach all deinen Erfahrungen als Gründer verschiedener Startups – was hast du daraus gelernt?

Erstens: Risikokapitalgeber mögen zwei Sachen nicht – Risiko und Kapital geben. Deshalb muss man zeigen, dass man verstanden hat, welche Risiken es gibt und wie man diese Risiken umgehen will. Darauf muss man Antworten geben, und dabei muss man seine Idee auch so aufbereiten, dass Externe sie verstehen.

Zweitens: Ein Startup ist immer nur so gut wie die Leute, die man einstellt. Es lohnt sich also, sich auf das Hiring zu fokussieren. Wenn man das hinbekommt, hat man schon die zwei wichtigsten Bausteine für ein gutes Startup geschaffen.

Was würdest du dir für die Startup-Kultur in Deutschland wünschen?

Erst einmal möchte ich ein großes Lob für die INVEST-Förderung aussprechen, mit der private Investoren einen Zuschuss auf ihr Wagniskapital bekommen – das kann ich nur jedem empfehlen. Natürlich gibt es für Startups immer noch viele Herausforderungen wie die Kapitalsuche oder die Bürokratie, aber als Gründer ist man nun mal in der Position des Herausforderers, da kann nicht alles leicht sein. Ich würde mir allerdings wünschen, dass mehr neue Startups im Bereich Deep Technology entstehen würden.

Wir haben hier in Deutschland eine sehr gute Ausbildung und viele Talente. Deshalb sollten sich Gründer ruhig auch mal trauen, solche größeren Themen anzugehen. Am Anfang ist das vielleicht abschreckend, aber wenn man sich erst einmal eingearbeitet hat, kann es sehr erfüllend sein.

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