Vom Patienten zum Medikamentenhersteller – Ganz einfach über den digitalen „Highway“

Ellenlange Listen von möglichen Nebenwirkungen lassen sich auf jedem Beipackzettel zu Medikamenten finden. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass noch unbekannte Nebenwirkungen auftreten oder bekannte Nebenwirkungen eine andere Häufigkeit aufweisen, über die andere Patienten informiert werden sollten. Doch was mache ich als Patient, wenn ich solche Nebenwirkungen bei mir feststelle? An wen wende ich mich? Und: Wie viel Aufwand bedeutet das für mich?

Eben diese Fragen stellte sich Dr. Friderike Bruchmann im November 2015, als sie selbst an unerwünschten Nebenwirkungen litt. Doch die Antworten blieben spärlich, die Meldewege waren kompliziert und langwierig. Schließlich schaffte sie sich ihre eigene Antwort – und gründete mit Dr. Philipp Nägelein das Start-up Medikura. Damit schlagen sie eine digitale Brücke zwischen Patienten und Herstellern von Medikamenten, wie Dr. Bruchmann im Interview mit 5-HT verrät.

Das Medikura Founder-Team Dr. Friderike Bruchmann und Dr. Philipp Nägelein

Wie kam es zu Medikura?

„Die Idee zu Medikura ist schon über 3 Jahre alt. Ich empfand die Meldeprozesse nicht sehr patientenfreundlich, einfach, schnell oder digital. Stattdessen habe ich mich nach alternativen Möglichkeiten im Internet erkundigt – aus dieser Idee ist dann eine Marktrecherche entstanden. Arzneien und Sicherheit sind sehr wichtige Themen, aber werden gerade im Bereich Digitalisierung noch sehr stiefmütterlich behandelt.“

Belohnt wurde die Idee zu Medikura gleich mit mehreren Finanzierungsförderungen: Das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, eine Förderung vom Bayerischen Staatsministerium und eine Förderung durch den Europäischen Sozialfonds. Im Dezember 2017 war es schließlich soweit: Dr. Friderike Bruchmann und Dr. Philipp Nägelein gründeten Medikura mit der Online-Plattform Nebenwirkungen.de.

Was ist das Problem mit den bisherigen Meldemöglichkeiten?

„Es ist schon vorher möglich gewesen, Nebenwirkungen zu melden, zum Beispiel über ein Online-Formular, per Mail, Brief oder über einen Anruf. Auch gibt es theoretisch viele Anlaufstellen, wie die Behörde, den Arzt oder Apotheker und den Hersteller. All diese Parteien sind aber nicht direkt miteinander verknüpft und daher auch nicht unmittelbar informiert, wenn Nebenwirkungen auftreten. Wenn die Informationen an einer Stelle nicht weitergegeben wurden, weil der Arzt oder Apotheker beispielsweise die Notwendigkeit einer Meldung nicht sieht oder schlichtweg keine Zeit findet, fielen sie aus dem System. Außerdem führte das System dazu, dass sehr viele Rückfragen, die man zu den Fällen bräuchte, unbeantwortet blieben. Viele Patienten sowie Ärzte und Apotheker haben nicht mehr viel Lust, auf einen Brief oder ein Formular zu reagieren, nachdem sie die Nebenwirkungen bereits initiativ gemeldet haben. Deshalb sind bestehende Meldewege sehr dokumentationslastig, ineffizient und analog.“

Was macht Medikura anders?

„Wir haben eine digitale Infrastruktur, sozusagen einen „Highway“, entwickelt, welche die direkte Kommunikation zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen zwischen Patienten, medizinischen Fachkreisen und Medikamentenherstellern in Echtzeit ermöglicht. Meldungen zu Nebenwirkungen können so direkt an die jeweilige Stelle übermittelt und bewertet werden, damit sie in Fachinformationen, Wechselwirkungscheckern und bei zukünftigen Verordnungen berücksichtigt werden. Zudem wird unser Meldeservice überall dort im Gesundheitssystem eingebunden, wo eine Nebenwirkungsmeldung relevant ist, beispielsweise in der digitalen Patientenakte, bei Wechselwirkungscheckern, Online-Medikationsplänen oder relevante Beiträge.“

Das Besondere bei Medikura: Es führen viele unterschiedliche Wege auf ein und denselben digitalen ‚Highway‘, wo die Informationen in Echtzeit, automatisiert und vor allem strukturiert zu den verschiedenen Beteiligten transportiert. Dadurch ist der Meldeprozess weitaus schneller, patientenorientierter, und effizienter als es bisherige Wege waren.

Wie läuft so eine Meldung über unerwünschte Nebenwirkungen ab?

„Als Patient kann man auf Nebenwirkungen.de oder über die Einbindung unseres Meldeservice auf Partner-Webseiten oder -Apps Nebenwirkungen melden. Dabei kann er sich entscheiden, ob er den Apotheker oder Arzt ebenfalls in den Prozess miteinbinden will. Dieser wird dann über die Meldung informiert und kann diese direkt überprüfen oder ergänzen. Am Ende des digitalen ‚Highways‘ steht schließlich der Hersteller, der jedes Update zu einer Meldung in einem übersichtlichen Format geliefert bekommt.

Wichtig ist, dass die Identität der Patienten und medizinischen Fachkreise immer geschützt bleiben. Die Informationen werden also pseudonymisiert weitergleitet. Dennoch können sich Hersteller mit Rückfragen an die Patienten und medizinischen Fachkreise melden. Auch das Rückfragemodul ist digitalisiert und automatisiert und damit mit wesentlich weniger Aufwand verbunden, als es bisher der Fall war. Alle Meldungen werden danach durch die Hersteller an die Europäischen Arzneimittelbehörden zu Aufsichtszwecken geleitet.“

Wie finanziert Medikura sich?

„Für Patienten und medizinische Fachkreise ist die Verwendung des Meldeservices kostenlos. Auch Pharmahersteller zahlen für die Weiterleitung der Meldungen nichts. Das bedeutet, dass der jeweilige Medikamentenhersteller in jedem Fall über die Nebenwirkungen informiert wird. Wenn ein Hersteller darüber hinaus den kompletten Funktionsumfang unserer komfortablen Softwarelösung nutzen, oder den Service auf der eigenen Website oder in seinen Apps anbieten möchten, fallen monatliche Lizenzgebühren an. Bei einer Kosten- und Zeitersparnis von bis zu 95% macht es aber immer Sinn, die gesamte Lösung für die effiziente Kommunikation mit Patienten im digitalen Zeitalter zu wählen. Damit wird der Austausch mit dem Patienten auch für den Hersteller einfacher, schneller und macht Spaß“, erklärt Dr. Bruchmann.

Wer steht hinter Medikura?

Dr. Friderike Bruchmann und Dr. Philipp Nägelein kennen sich schon seit dem ersten Tag im Bachelorstudium. Elf Jahre später sind beide promovierte Betriebswirte. Nach einer anderthalbjährige Marktrecherche, bei der sie unzählige Richtlinien gesichtet und sich mit Fachexperten, Patienten, Organisationen und medizinischen Fachkreisen besprochen haben, gründen sie Medikura. Mittlerweile hat sich das Team auf ein vierköpfiges Managementteam und knapp 20 Mitarbeitende erweitert. Das Start-up wickelt inzwischen deutschlandweit über ein Drittel der gemeldeten Nebenwirkungen monatlich ab.

„In nur neun Monaten, in denen wir mit der Plattform Nebenwirkungen.de online waren, sind wir ein relevanter Marktplayer geworden. Das liegt daran, dass bisher sehr wenige Nebenwirkungen, und zwar weniger als 1%, gemeldet wurden. In der Vergangenheit kamen deutschlandweit nur ca. 2.300 Meldungen pro Monat zusammen, die über Ärzte, Apotheker und Hersteller an die Behörden weitergeleitet wurden. Stand heute sind wir in Deutschland im Internet die primäre Online-Meldeplattform für Nebenwirkungen und mit mehr als 250 Herstellern im Austausch. Unser Ziel ist bis Ende des Jahres das absolute Meldevolumen, das es bisher gab, zu verdreifachen.“

Was kann 5-HT tun, um euch weiter zu unterstützen?

„Erst durch den regulatorischen Druck und die EU-Gesetzgebung ist das Augenmerk auf Arzneimittelsicherheit gefallen. Jetzt blühen die Abteilungen in diesem Bereich auf, aber sie sind hauptsächlich mit regulatorischen Themen beschäftigt. Da bleibt nicht viel Kapazität, sich nach innovativen Ideen auf dem Markt umzuschauen.“ Daher sucht Medikura nach innovationsfreudigen Partnern in der Pharmaindustrie, die lieber vor als hinter der Welle schwimmen.

Damit kommen sie auch ihrem Traum ein Stückchen näher, bald europaweit oder irgendwann sogar international die führende Meldeplattform für Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten zu sein. Die passenden Internetdomänen – wie Nebenwirkungen.de – hat sich Medikura vorausdenkend bereits in verschiedenen Sprachen gesichert.

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