Die Digital-Therapeuten: Jeder, der Hilfe sucht, sollte sofort welche erhalten

Wer mit psychischen Problemen kämpft und womöglich Monate auf einen Therapieplatz warten muss, braucht nicht zu verzweifeln. Das Berliner Startup Selfapy bietet auf seinem Online-Portal Therapiekurse kombiniert mit Gesprächen mit Psychologen an. Die Kosten für diese persönliche und wirksame Hilfe werden bereits von etlichen Krankenkassen und Versicherungen erstattet.

Den drei Gründerinnen Nora Blum (27), Kati Bermbach (27) – beide selbst Psychologinnen – und Farina Schurzfeld (31) war und ist es ein großes Anliegen, Hilfesuchende schnell, unkompliziert, überall und wirksam zu unterstützen. Alle drei kamen in ihrem persönlichen Umfeld mit Depressionen in Kontakt und gründeten Anfang 2016 Selfapy mit der Vision, einen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der Situation psychisch Erkrankter zu leisten.

Persönliche Motivation der Gründerinnen

Nora Blum kommt aus einer Familie von Psychotherapeuten und weiß daher um die langen Wartezeiten, ebenso wie Kati Bermbach, die während ihrer Zeit bei der Berliner Charité viele Therapieplatzbewerber vertrösten musste. Farina Schurzfeld musste für ihr familiäres Umfeld lange nach einem Therapieplatz suchen. Die drei Gründerinnen haben sich zusammengetan und begonnen die klassische Verhaltenstherapie zu digitalisieren.
Sie wollen nicht die klassische Therapie ersetzen, sondern Versorgungslücken schließen, mit dem Online-Angebot Berührungsängste abbauen und gegen die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen ankämpfen.
Psychische Probleme sind weitverbreitet, allerdings reden viele aus Scham nicht darüber. Dabei kann jeder in eine Krise geraten, unabhängig von Altersgruppen und Schichten. „Es ist okay, wenn ich zum Zahnarzt oder zum Orthopäden gehe, aber warum ist es nicht okay, wenn ich zum Psychologen oder Psychotherapeuten gehe. Warum bin ich dann gleich abgestempelt? Warum ist da eine Hemmschwelle? Jeder sollte Hilfe erhalten, der Hilfe sucht. Das ist unser Ansporn“, erklärt Farina Schurzfeld.

In Deutschland leiden 10 Millionen Menschen an Depressionen, Angst- und Essstörungen. Etwa zwei Drittel der ungefähr 20.000 Suizide im Jahr entfallen auf Depressive.

Soforthilfe bei psychischen Belastungen

17 Psychologen und eine psychologische Leitung kümmern sich um die mittlerweile Nutzer, die neunwöchige Therapiekurse gegen Depressionen, Angst, Burnout oder Essstörungen durchlaufen. Insgesamt hat Selfapy mehr als 10.000 Menschen therapiert. Rund 20 Minuten täglich sind für die darin enthaltenen lebensnahen Übungen aufzuwenden. Bei Bedarf telefonieren oder chatten die Kursteilnehmer einmal pro Woche für rund 20-45 Minuten mit einem Selfapy Psychologen. Alle zwei Wochen wird der Fortschritt des Patienten ermittelt. Somit kann die Wirksamkeit festgestellt werden und ob eine intensivere Betreuung notwendig wird. Die Online-Kurse ohne persönliche Gespräche kosten ab 30 Euro pro Monat, mit persönlicher psychologischer Betreuung sind monatlich ab 85 Euro zu zahlen.

Die Wirksamkeit des Angebots wurde 2016 in einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf klinisch bestätigt. Selfapy konnte bereits einige Preise einheimsen.

„Unser Angebot richtet sich an leichte bis mittelschwere Fälle von psychischen Problemen. Bei schwer Erkrankten sind wir definitiv die falsche Lösung. Wir bieten sowohl Präventivangebote (also Stressprävention, Achtsamkeitstechniken und gesunde Ernährung) als auch Akutangebote bei Depressionen, Angst- und Essstörungen an“, sagt Farina Schurzfeld. „Den typischen Kunden gibt es jedoch nicht. Eine Essstörung wie Bulimie hat eine ganz andere Zielgruppe als eine Depression oder ein Burnout. Das heißt: vom Studenten bis hin zum Mitte 50 Jahre alten Geschäftsmann haben wir alles dabei. Psychische Erkrankungen können einfach jeden treffen“, führt sie weiter aus.

Wer bei Selfapy Hilfe sucht, kann ein kostenloses Infogespräch mit einem Psychologen aus dem Team führen oder einen anonymisierten Selbsttest auf der Website durchführen. Dies ermöglicht zwar keine Diagnose, aber das Selfapy Team kann anhand von wissenschaftlich standardisierten Fragen einschätzen, ob der Hilfesuchende mit seiner Thematik passt oder möglicherweise nach einem Gespräch eine Vermittlung an einen Psychotherapeuten oder eine Klinik angestrebt wird.

Von den Kursteilnehmern nutzt ein Drittel den Kurs zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz, ein Drittel in der Nachsorge nach einer Therapie und ein weiteres tatsächlich als Therapieersatz. Wegen des immer noch großen Stigmas oder der zeitlichen und räumlichen Flexibilität des Online-Angebots scheinen manche auf die klassische Behandlung zu verzichten, was aber keinesfalls das Ziel von Selfapy sei, betont Schurzfeld. Sie unterstreicht, dass auch die Deutsche Psychotherapeutenkammer Selfapy positiv und als ergänzendes und nicht die klassische Therapie ersetzendes Angebot sieht.

Digitale Angebote gab es auch schon vor Selfapy. In Deutschland haben einige Anbieter einen ähnlichen Ansatz verfolgt und Verhaltenstherapie digitalisiert. Aber Selfapy sei breiter aufgestellt und habe mehrere Störungstypen einbezogen, dazu bieten sie eine psychologische Begleitung. „Diesen Hybridansatz mit Gesprächen und Onlineangebot macht keiner in Deutschland. Außerdem ist unser technisches Setup jetzt relativ gut. Im internationalen Vergleich gibt es einige Anbieter, insbesondere in Holland, Skandinavien, USA oder Australien“, erklärt Schurzfeld.

Kostenerstattung möglich

Die bei Selfapy angeschlossenen Krankenkassen und Versicherungen versichern bundesweit 12 Millionen Menschen. Und es sollen noch mehr werden, denn für 2019 hat sich das Team vorgenommen, die Integration ins Gesundheitssystem weiter voranzutreiben, d.h. mehr Krankenkassen und Versicherungen ins Boot zu holen, was ein langatmiger Prozess sei. Außerdem ist geplant das Angebot zu erweitern. So ist an Thematiken wie Sucht, Krebs oder chronische Schmerzen gedacht, für die eine Therapie entwickelt werden könnte.

Aktuell liegt der Fokus auf Deutschland, zumal hierzulande aufgrund der großen Versorgungslücken ein riesiges Potenzial bestehe. Jedoch blickt man bei Selfapy auch über den Tellerrand zunächst in die deutschsprachigen Länder Österreich und Schweiz. Für beide müssten lokale Hotlines eingerichtet werden, für die Schweiz zusätzlich die Anpassung des Online-Angebots auf Schweizer Franken.

Stolpersteine und Belohnungen

Die hohen Anforderungen, die an Gesundheitsprodukte gestellt werden und den langen Atem, den sie an den Tag legen mussten, um mit den Krankenkassen in Kooperation zu gehen, hat die Selfapy Gründerinnen vor große Herausforderungen gestellt. Das technische Setup und der Datenschutz müsse exorbitant hohen Anforderungen entsprechen, so Schurzfeld. Dies sei natürlich gerade für ein kleines Unternehmen teilweise schwierig. „Wir haben ein relativ schlankes langatmiges Wachstum gehabt, was auch gut war. Aber bei Gesundheitsprodukten ist am Ende des Tages immer die Frage, wer zahlt dafür? Und in Deutschland zahlt nicht der Patient. Es ist unheimlich schwer hierzulande ein Produkt zu etablieren, was rein vom Selbstzahlermarkt lebt“, sagt Schurzfeld.

Stolz ist das Selfapy Team auf die Studien, die die Wirksamkeit ihrer Leistungen beweisen, und auf ihr Durchhaltevermögen. Durch die aktive Pressearbeit habe man sich einen guten Namen gemacht, was auch dabei geholfen habe, mit den Krankenkassen zu kooperieren. „Gut gelaufen ist auch das Feedback der Nutzer. Das ist eine unheimliche Belohnung, wenn dir jemand schreibt „Mir geht’s jetzt besser“. Was Schöneres gibt es doch nicht“, findet Schurzfeld.
https://www.selfapy.de/

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